“Was Jetzt? Aufstand der Dinge am Amazonas.” Im Museum der Kulturen Basel

Das Museum der Kulturen ist zunächst vor allem eines: Meta. Es fragt in seinen Ausstellungen stets danach, ob und wie ethnologische Objekte in einem Museum ausgestellt werden können. Denn die Völkerkundemuseen (auch das Basler Museum trug noch bis 1996 die Völkerkunde im Namen) haben ein Problem: Sie beherbergen Sammlungen, die einem kolonialen Blick folgen. Aus einer westlich-nationalen Sicht inszenieren sie die Fremden als exotisch, teilweise gar als rassisch Unterlegene. Zustande gekommen aufgrund von Eroberungen oder von Tausch und Handel, den die beforschten Fremden im Nachhinein wohl nicht mehr eingegangen wären. Das Erbeutete oder Erworbene von Übersee wurde dann im heimischen Museum einer Schatzkammer gleich ausgestellt; meist bis weit in die 1970er Jahre hinein.

© MKB

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Das Basler Museum versucht ein Teil seiner jüngeren Institutionengeschichte in der Ausstellung “Was jetzt? Aufstand der Dinge am Amazonas” aufzuarbeiten. Dabei stellt es die Frage, welche Rolle ein postkolonial reflektiertes Museum heute in der Zusammenarbeit mit indigenen Vertreter_innen zum Beispiel bei der Verhinderung von Staudammprojekten noch spielen kann und darf, ohne in neokoloniale Einmischung abzugleiten. Es geht in der Ausstellung also einerseits um die Beziehungen zwischen Sammler_innen, Forscher_innen und Vertreter_innen der Herkunftsgemeinschaften und andererseits um die materielle Kultur der Amazonas-Region – ein Sammlungsschwerpunkt des Museums seit den 1950er Jahren.

Die Mittel, die es dafür wählt, sind multimedial, Videos, Fotos, Hörstationen, aber vor allem ist es Text, der die Objekte verstellt. Man muss an ihm vorbei, um die Objekte sehen zu können. Der Text erzählt einem dann von verschiedenen Sammlungsstrategien. Den Anfang bildet die Sammlung des Ethnologen Jörg Gasche, der sich 1969/70 gegen Geschenke von der Familie Kuiru aus dem jitomagaro-Klan Objekte aus dem Alltagsleben und für Zeremonien herstellen ließ. Anhand dieser wird dann thematisiert, dass die Enkeltochter der Familie dem Tausch dieser Objekte durch ihren Großvater eher kritisch sieht, hätte der doch mit den Dingen auch einen Teil seiner Seele weggegeben. Den Schluß bildet die indigene Interessenorganisation Yarikayu, die eine Sammlung an das Museum verkaufte, um ein Bildungsprogramm und eine Pflanzensammel-Expedition in ihr Ursprungsgebiet zu finanzieren. Der letzte Satz des mit postkoloniales Sammeln überschriebenen Ausstellungstextes verrät: “Die Bewahrung einer Sammlung in einem Schweizer Museum bezeichnen sie als eine Aufwertung ihrer Kultur.” Dazwischen wird vom kommerziellen, vom dokumentarischen Sammeln sowie über indigene Kulturpolitik und dem Engagement der Ethnologie gehandelt.

Die Objekte hinter den Texten sind sehr klassisch präsentiert. Am – im Museumsbereich – fast legendären Nylonfäden hängen Feuerfächer, Hängematten, Musikinstrumente, Federschmuck etc. Die Hängungen wollen weder durch geschickte Kombination argumentieren noch lebensweltlich nachstellen. Sie zeigen das, was das Museum beherbergt. Gesammelte Objekte. Interessant dabei ist, dass ein weiterer Teil der Ausstellung versucht, genau diese als solche zu hinterfragen: Dinggeschichten. Auch dabei wird viel mit intellektuellen Bezügen gearbeitet. Die Geschichte des Animismus und dessen Begriff wird mit Philipp Descola und Eduardo Viveiros de Castro hinterfragt. Ob die Dinge eine Seele und ein Leben haben, hängt eben von der Perspektive ab. Die Implikation ist: Gerade deswegen ist das Ausstellen von Dingen im Museum besonders problematisch. Tötet man damit nicht auch die eventuell bestehende Seele des ausgestellten Dinges? Irgendwie werde ich dennoch das Gefühl nicht los, dass damit und der Reflexion darüber an einem Ort, an dem indigene Masken hinter Glas mit Lichtspots angeleuchtet und so etwas durch und durch Geheimnisvolles und Beängstigendes erhalten, der Animismus doch wieder nur eine Spezialität der Anderen und nicht des Eigenen ist.

Damit wirft das Basler Museum abermals die Frage auf, ob denn ethnologisches Ausstellen überhaupt möglich ist. Es tut dies jedenfalls auf höchstem Niveau. Manchmal vielleicht etwas zu hoch.

© MKB

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