Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945 im DHM Berlin.

Es geht um Viel, beinahe um Alles. “Wie möchten wir leben?” fragen der Flyer und die Homepage zur Ausstellung. Der Einführungstext kompiliert die großen Begriffe der Gegenwart: Freiheit, Vernunft, Geschichte, Verantwortung, Politik, Gesellschaft, Zukunft und die Menschenrechte, die natürlich nicht fehlen dürfen. Die kurz getaktete Abfolge lässt die Worte erschreckend leer zurück. Wer soll diesen Begriffen nun ihren Inhalt wieder zurückgeben? Natürlich die Kunst, der man in ihrer angeblichen Autonomie eine besondere Fähigkeit der Weltbeobachtung zurechnet.

Das Deutsche Historische Museum, dessen Ausstellungen man euphemistisch als staatstragend bezeichnen könnte, sammelt zur Beantwortung der großen Fragen Kunstwerke großer Namen, die irgendwo im lange Zeit geteilten Europa seit 1945 arbeiteten und lebten. Geordnet nach den “Grundfragen unserer sozialen Existenz” wie Gewalt, Utopie und Selbsterfahrung, zeigt die Ausstellung Schlüsselwerke von Niki de Saint-Phalle, Ferdinand Léger, Yves Klein, Erik Bulatov, Damien Hirst und Gerhard Richter, die in mühsamer Recherche ausgesucht und mit einigem finanziellem Aufwand zusammengetragen wurden. Das Ganze ergibt eine erstklassige Kunstausstellung, die Blockbusterpotential hat.

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Nur ist diese Kunstausstellung von anderem Charakter als die Schlangesteh-Events der Nationalgalerie. Worin aber liegt der Unterschied? Auch diese Ausstellung reiht Bilder in eher klassischer Hängung aneinander, die das einzelne Werk zum kontemplativen Beschau frei gibt — wobei die Räumlichkeiten im Pei-Bau mir nicht die Geeignetesten zu sein scheinen: etwas flach, dunkel und dazu das Einheitsgrau der Wände, das die Kunst auch nicht gerade erstrahlen lässt. Auch in manchem Kunstmuseum werden Kunstwerke nach Themen angeordnet und dialogische Konstellationen verschiedener Kunstwerke versucht. Selbst längere erläuternde Texte, wie sie hier den einzelnen Werken beigegeben werden, sind mittlerweile eher die Regel, denn eine Ausnahme. Die Unterschiede offenbaren sich nur bei genauerer Betrachtung der Texte. Diese erzählen nicht nur von den Kunstwerken und den möglichen Bezügen, die die Künstler_innen geleitet haben mögen. Sie liefern auch nicht die Standardinterpretation der Kunstforschung. Sie geben eine ganz bestimmte Interpretation, die das große Narrativ der Ausstellung in jedem Kunstwerk wiederholt und anpasst. Nun halte ich es für vollkommen legitim, dass hier Interpretationen versucht werden — auch wenn die häufig doch sehr vom unmittelbaren Werkkontext gelösten Interpretationen mehr Frage- als Ausrufezeichen hinterlassen mögen. Die Besucher_innen können ja selbst entscheiden, ob sie die Position übernehmen, können sich zu ihr verhalten, sie ignorieren, sie ablehnen. Die Argumentation läuft dann in etwa so: erst eine deutliche Positionierung schafft eine Diskursivität, die zunächst zwar einen nur eingeschränkten, aber immerhin überhaupt einen Zugang zum Kunstwerk ermöglicht, der dann eine intensivere Auseinandersetzung evozieren mag.

Dennoch steht es irgendwie schief darum bei dieser Ausstellung. Nun liegt das eben nicht daran, wie Sebastian Preuss in der ZEIT zu Bedenken gibt, dass ein historisches Museum auch historische Ausstellungen machen müsse, wobei dann unklar bleibt, ob historisch, Chronologie, Vergangenheitsfaktenwissen oder zeitgenössische Kontextualisierung der Werke bedeuten soll. Ein Geschichtsmuseum darf natürlich eine Kunstausstellung machen und muss nicht in all seinen Ausstellungen Ereignisgeschichte unterbringen. Mein Problem mit der Ausstellung ist vielmehr die Schlagseite, die alle Kurztexte zu den Kunstwerken einnehmen. Angelegt ist die Schau als Auseinandersetzung mit europäischer Kunst und der Freiheitsfrage jenseits der ideologischen Widersprüche der Blöcke des Kalten Krieges, die beide als Kinder der Aufklärung dem Prinzip von Kritik und Krise unterliegen. Unterschieden hätten sie sich vielmehr in ihrer Fähigkeit, Kritik zu produzieren und zu integrieren. Die Ausstellungstexte verweisen immer wieder sehr eindeutig auf die Kritik, die die Kunst vorgeblich liefern wollte. Die Macher_innen haben die Kritik verstanden und können diese nun von der Kanzel des größten deutschen Geschichtsmuseums aus verkünden. Dass die Kritik dabei immer eine zu sein scheint, derer sich die moderne deutsche Gesellschaft vollkommen bewusst zu sein scheint, deutet darauf hin, dass hier etwas ausgeblendet werden soll. Man gibt sich kritisch, erzählt aber eigentlich eine Identitätsgeschichte, in der Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die auch das Bestehende trifft, nicht vorkommt, weil sie an dem deutschen Repräsentationsort DHM keinen Platz hat.

Und so kann es kaum verwundern, dass das letzte Kunstwerk eine Deutschlandfahne darstellt. Dass der Künstler Vladimir Mitrev diese Fahne aus seinen Fußabdrucken erschafft, wertet der Text als Wunsch des seit 10 Jahren in Deutschland lebenden Bulgaren, “an dem politischen System des Landes” teilzuhaben. Verführung Freiheit sagt der Titel, Verführung vereinigtes Deutschland meint die Ausstellung.

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