Verbrechen lohnt sich: Der Kriminalfilm im Museum für Gestaltung Zürich

Ist es die Waffe oder die Hand, die beim Kriminalfilmplakat nicht fehlen darf? Zumeist ist beides zu sehen. Häufig auch in Kombination mit angewinkeltem Arm, langem beigen Mantel und Fedora-Hut. Manches mal ist aber auch nur das Messer zu sehen, wie bei Robbery, oder nur die Hand, die nach einem greift, oder die Hände sind versteckt in den Taschen, wie bei Taxi Driver, oder sie halten eine Zigarette, wie Jack Nicholson in China Town. Bei Hitchcocks Dial M for Murder reckt einem das potentielle Opfer auf dem Plakat die Hand entgegen, um nach dem Telefon zu greifen, ein Gerät, das auf anderen Plakaten wiederum mehr nach der Waffe selber aussieht. Überhaupt sind die Größe und Art der Waffen auf den Plakaten gänzlich verschieden, zumeist findet sich aber die klassische halbautomatische Pistole. Augen close-ups sind auch beliebt. Und so ließen sich noch einige weitere Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdecken auf den 100 Plakaten, die den Anfang der Schau zum Kriminalfilm im Museum für Gestaltung machen und mithin die einzigen Stücke sind, die das Museum zu seiner neuen Wechselausstellung aus der eigenen Sammlung beisteuern konnte. Der Rest kommt zum großen Teil von der Cinémathèque Suisse, die selber keine Ausstellungsräumlichkeiten besitzt.

Foto: Betty Fleck, © ZHdK

Foto: Betty Fleck, © ZHdK

Die Suche nach Mustern auf den Plakaten liegt beim gegebenen Thema auch schlicht nahe. Die Fahndung des Kriminalfilms hat ja doch Ähnlichkeiten mit der Lust am Erkennen von Ordnungen und Strukturen in einer Sammlung.  Gerade deswegen fesselt der erste Teil der Ausstellung mit der Frage nach dem Nenner des Verbrechens im Film.

Im Hauptteil der Ausstellung hat dann bereits stärker die kuratorische Hand – von Andres Janser – gewirkt. Sie hat die Filme nach Untergenres und nach einigen Querverbindungen geordnet. Wie sehen TV-Kommissare im Vergleich zu TV-Kommissarinnen oder Ermittlungsteams aus? Welche Töne und Bilder kommen zum Einsatz und wie wird im Film deutlich gemacht, dass eine wahre Begebenheit hinter der erzählten Geschichte steckt? Was unterscheidet den Gangsterfilm vom Detektivfilm, den Gefängnis vom Gerichtsfilm und warum ist der Film Noir eigentlich so genrebildend für den Kriminalfilm? Eine Ausstellung, die sich derart einem Genre verschreibt, ruft natürlich zwangsläufig die Kanonwächter auf den Plan. Und auch ich frage mich, warum M – Eine Stadt sucht einen Mörder, genauso fehlt wie Der Räuber. Außerdem stellt die Ausstellung die Abgrenzungsfrage nicht. Warum gehören Minority Report und Shutter Island nicht zum Repertoire, aber 12 Angry Men und der Der Pate schon? Letztlich scheinen diese Fragen mühsam und unerheblich. Die Ausstellung dient so schon als Fundgrube und wer mal wieder auf der Suche nach neuen sehenswerten Filmen ist, der darf das Mitschreiben nicht vergessen. Fragwürdiger sind viel eher die Ordnung der Ausstellung und die textliche Aufarbeitung. Stellt sich doch die Frage, ob man über bloße Genrebezeichnungen hinausgehend nicht zumindest auch nach Gender, Class und Race fragen könnte. Nun kann man ihr zu Gute halten, dass sie sich dieser Kategorien auf jeden Fall bewusst ist. So stellt sie zum Beispiel ganz selbstverständlich neben Sherlock Holmes die Mma Ramotswe aus der britisch-botswanischen Serie The No. 1 Ladies’ Detective Agency oder fragt nach der Frauenrolle im Film Noir. Aber letztlich bleiben diese Hinweise doch randständig.

Interessant ist zudem der musealste Teil der Ausstellung, der Nachbau einer Kriminalfilm-Kulisse. Wie im Volkskundemuseum die Bauernhütte, so wurde hier eine Polizeikommissariat im Museum nachgebaut. Aber es entsteht in diesem Kontext nicht der Eindruck eines verklärendes Genre-Bildchen, das die Lebenswirklichkeit nicht nur nicht wiedergibt, sondern verfälscht, wie bei der Bauernstube, sondern es eröffnet sich ein suchender Blick nach den von den Bühnenbildnerinnen arrangierten Details. Das funktioniert hier, weil eine Filmausstellung ein Grundproblem des Museums nicht in gleichem Maße teilt. Ein Museum hat den Ruf, vergangene Zeiten oder ferne Welten in die unmittelbare Nähe zu bringen. Eine Filmausstellung zeigt hingegen Filme, also sowieso immer schon künstliche Welten. Und gerade daher scheint die Kulisse wie die einzig legitime Form eines Nachbaus im Museum.

Foto: Betty Fleck, © ZHdK

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