Das Römisch-Germanische Museum in Köln

Wie sah ein Museum in den 1970er Jahren aus? In Köln kann man das noch besichtigen. Das unmittelbar neben dem Dom gelegene Römisch-Germanische Museum bietet nicht nur Brutalismus und zu wenig Platz für den Museumsshop, sondern auch zu großen Teilen noch die Dauerausstellung, die 1974 installiert wurde. Nun folgte diese zwar damals dem neuesten Schrei der Museologie und wurde in weiten Teilen überaus wohlmeinend besprochen, aber dennoch hat die Diskussion um eine gute Dauerausstellung seit dieser Zeit einige Schleifen gedreht und Spuren hinterlassen.

© Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

© Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Die Kölner_innen und Tourist_innen hält das an diesem eher kühlen Aprilsonntag jedenfalls nicht davon ab, das Römisch-Germanische Museum zu besuchen. Zwischen Sichtbeton, roten Stahlträgerregalen und Waschbeton-Sockeln auf denen Grab-, Meilen- und Ehrensteine Platz finden, flanieren ungewöhnlich viele Interessierte, Familien, wie Rentner, Studis wie Schülerinnen. Das mag an der Lage liegen. Näher an den Touriströmen kann ein Museum in Köln nicht liegen. Es könnte aber auch daran liegen, dass uns die Ästhetik, ja die ästhetische Argumentation dieser Zeit wieder nahe ist. Die Vitrinen inszenieren die archäologischen Objekte als zu intensiv Betrachtende, mit Kontemplation und Einfühlung, ob als Einzelstück oder als Serie. Die Texte sind, wenn es sie gibt, kurz und nüchtern, zwar mit Objektbezug aber dennoch am Allgemeinen orientiert. Geordnet sind die Exponate nach Kategorien, die sich am sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben der Römer orientieren und lauten: Herrschaft, Straßen und Stadtplanung; Alltag in Rom etc. Einzelne Ensembles stellen Räumlichkeiten römischen Stils nach, markieren aber, dass sie Rekonstruktionen sind. Auf diese Weise ist die Ausstellung pädagogisch, ohne anbiedernd zu sein. Sie thematisiert, ohne sich in Textmassen zu ergießen und vertraut auf das, was die Institution ausmacht, die Grabungsfunde, die das Depot lagert. Diese Ding-Ästhetik entspricht – und das macht die Ausstellung zu einem solch interessanten Hybriden aus Alt und Aktuell – den neueren Trends der Museen nach dem Abebben der Szenografien und Environments.

Überraschend ist aber zum Beispiel die Fülle, mit der das originale Geschirr auf den rekonstruierten Tischen im rekonstruierten Speisezimmer Platz findet. Ebendies und die Dingästhetik trug der Ausstellung in den 70er Jahren von den Machern des Historischen Museum Frankfurts, den damals ähnlich erfolgreichen Gegenspielern des Römisch-Germanischen Museums, bereits den Vorwurf ein, sich der Warenästhetik des Kaufhauses zu bedienen. Auf diese Weise das Bestehende affirmierend und sich den Sehgewohnheiten des Konsumbürgers anbiedernd, leiste es keine gesellschaftliche Analyse, sondern reproduziere Klischees und Missstände über den Umweg römischen Lebens.

Römisch_Germanisches_Museum_Die Frau_Vitrine

Und obwohl sich diese Vorwürfe aus heutiger Sicht seltsam antiquiert, borniert kulturkritisch und jargonhaft anhören, treffen sie doch einen Aspekt, der auch mir auffällt und in gewissem Sinne ihr Alter entlarvt. Diese Ausstellung markiert zwar, wenn sie etwas nachstellt, aber sie markiert nicht, wenn sie etwas aussagt, wenn sie eine Botschaft hat. Das Leben in Köln zur Römerzeit soll ausgestellt werden, wie es war, und darüber hinaus nichts ausgesagt werden. Heutige Ausstellungen hingegen, wollen in ihrer geschichtsphilosophischen Reflektiertheit nicht nur thematisieren, sondern argumentieren. Natürlich lässt sich auch die alte Ausstellung kulturanalytisch untersuchen und auf Botschaften hin lesen. Denn auch wenn sie das vielleicht selbst nicht wahr haben will oder zumindest nicht reflektiert, hat sie eben Botschaften. Und so wird die Vitrine mit der Überschrift “Frau”, in der sich Spiegel, Schmuck und alles das findet, was sich eine konservative bundesrepublikanische Gesellschaft als typisch weiblich vorstellte, zu einer problematischen.

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