“Postmodernism. Style and Subversion 1970–1990″ im Landesmuseum Zürich

Vor kurzem hörte ich auf einer Podiumsdiskussion den Satz: “Ich gehöre einer Generation an, die endlich weg von der Postmoderne, wieder etwas zurück zur Moderne möchte.” Die Postmoderne ist tot, so tot wie Bionade, der Prenzlauer Berg oder die Rede davon, dass etwas tot sei. Zeit für eine Ausstellung. So dachte auch das Victoria and Albert Museum in London. Mittlerweile ist die Ausstellung mit dem Untertitel “Style and Subversion 1970–1990″ auf Reisen gegangen und im Landesmuseum Zürich angekommen.

Nachdem ich die Hälfte der Ausstellung durchwandert habe, denke ich mir, während ich auf einer schwarzen doppelt-S-förmig-gekrümten Ledercoch von 1970 “Wir sind die Roboter” höre: So könnte sich die Welt vor 30 Jahren angefühlt haben. Als nächstes Lied läuft London Calling. Der Ausstellungsteil heißt “Strike a pose”. Neben den Musikvideos in der Endlosschleife finden sich ein Hologramm von Boy George, eine Grace Jones gewidmete Videowand und Kostüme von The Clash und anderen. Es geht um Tanz, Choreos, Queers, das Androgyne, Party, ein bisschen um Hiphop, kurz um die Pose. Postmoderner Stil wird hier mit Posieren, Inszenieren gleichgesetzt. Das Unechte hatte Konjunktur. Schrille Farben, extrovertierte Formen, synthetische Materialien, historische Zitate. Nach diesen Kriterien wählt auch die restliche Ausstellung ihre Objekte. Es gibt Stühle aus Musikinstrumenten zu sehen, Streifenmuster an Möbeln und geometrische Neonfarbflächen überall. Es entsteht der Eindruck einer Zeit, die ganz und gar fern ist, die die heute allgegenwärtige Authentizitätsforderung und Suche nach Unmittelbarkeit nur belächelt hätte. Das unterstreicht auch die Szenografie der Ausstellung. Die Objekte finden auf unterschiedlichen hohen Podesten Platz, von den Wänden leuchten Neonröhren. Wiederkehrende Namen sind Mendini, Botta, Memphis und Venturi. Entsprechend der Ausbreitung des Begriffes werden nacheinander, wenn auch einander wechselseitig durchsetzend, die Architektur, Design, Musik, Grafik, Kunst, Craft und Mode behandelt. Dabei werden jeweils andere thematische Aspekte fokussiert: die Pose hatte ich schon, die Style Wars, die New Wave Bewegung, das Geld und der Kommerz. Die vielzitierte Rückkehr zur Geschichte, die Betonung des Alltags und die nicht festzulegende Unheitlichkeit der Postmoderne durchziehen die Ausstellung in allen Teilen und bilden neben der Künstlichkeit die Meistererzählung.

Lyotard, der den Begriff der Postmoderne außerhalb der objektorientierten Künste und Architektur in die feuilletonistische Debatte einführte, definierte die Postmoderne als einen Abschied von Meistererzählungen. Das entscheidende Kennzeichnen der Zeit, schrieb er 1979 in seinem Essay “La condition postmoderne”, sei deren Vielfalt an inkommensurablen Diskursen, die nicht mehr durch einen übergreifenden “Meta-Diskurs” gebündelt werden könnten. Dass dies offensichtlich wiederum eine Meistererzählung ist, wenn auch auf einer darüberliegenden Beobachterebene, ist die etwas hinterlistige Pointe des Poststrukturalisten. Letztlich ermächtige uns die Postmoderne zu einer neuen Sensibilität für die Vielheit und zu einer Akzeptanz des Unvergleichbaren. Bemerkenswert ist nun, dass Lyotard, unbestritten einer der Säulenheiligen postmoderner Theorie in der Ausstellung ungenannt bleibt. Das passiert nicht ganz zufällig.

Denn die Postmoderne-Ausstellung steht in einer Reihe von Ausstellungen des V&A zu den Stilen im 20. Jahrhundert. So gab es bereits Ausstellungen zu Art Deco und Art Nouveau. Nun sind also die 70er und 80er Jahre dran. Diese Herangehensweise bedingt die Suggestion einer Einheit. Das Problem mit der Postmoderne ist aber, dass sie alles Mögliche sein wollte, bloß keine Einheit. Sie wollte eben mehr Disneyland als Manhattan sein. Ridley Scotts Blade Runner wird genauso als postmodern beschrieben wie Koyaanisquatsi von Godfrey Reggio. Ein Plattenspieler von Arad genauso wie ein bonbonfarbener Toaster von Michele de Lucchi, der Teil der Designgruppe Memphis war, von der ein anderes Mitglied, Ettore Sottsass, behauptet hat, sie sei nie ein Teil der Postmoderne gewesen. Was die Postmoderne war, weiß eigentlich niemand so richtig. Es scheint eben vielmehr Teil der Bewegung gewesen zu sein, es nicht zu wissen. Eine Ausstellung über die Postmoderne kann aber nicht in dieser Unsicherheit verharren. Zwar kann Sie die Vielfalt zeigen, das Diverse, aber gleichzeitig schafft sie Verbindungen, Konnexionen und gibt dem Diversen letztlich eine Überschrift. Das Diverse wird gebändigt, die Subversion bekommt einen Namen. Einmal stillgestellt, bekommt sie einen Platz in der Geschichte der Moden, der Stile.

So halten sich die Ausstellungsmacher an den Urheber des Begriffes. Charles Jencks machte die Postmoderne in der Architektur vor allem in Abgrenzung zur Moderne fest. Gleich im Eingangsbereich wird die Sprengung des modernistischen Sozialwohnungsviertels Pruitt-Igoe in Missouri – weniger als 20 Jahre nach Fertigstellung – auf eine Fotoleinwand projeziert. Dieses Menetekel für die Verfehlungen der gut gemeinten, aber unbeliebten Moderne markiert auch für Jencks das Ende einer Architekturepoche, deren Funktionalismus und Sauberkeitsfimmel menschenfeindliche Ausmaße angenommen hatte. Damit ist die Postmoderne zunächst als ein Dagegen gekennzeichnet. Als Sammelbecken für Kritik an Ordnung, Machbarkeit, Rationalität, kurz an der Moderne. Nur die Kritik am Kapitalismus war keine Domäne der Postmoderne. Schließlich war Marx wie Freud und Henry Ford ein Moderner sondergleichen. Die Ausstellung macht schließlich gar das Geld und die Kollaboration der Postmoderne mit dem Konsum, schlicht deren Eingang in die Warenästhetik für dessen Ende verantwortlich.

Die Ausstellung in Zürich fügt neben Objekten von einigen Schweizer Vertretern der Postmoderne wie Fischli-Weiss, Mario Botta, Trix, Pipilotti Rist und Yello vor allem zwei Dinge hinzu: ein Zeitstrahl mit politischen Ereignissen, der die Jahre 1968 bis 1990 abdeckt und ein extra für die Ausstellung gefertigter mit asymmetrischen Spiegelflächen verkleideter Triumphbogen von Robert Haussmann. Sowohl dieses Denkmal für die Postmoderne, was viele Assoziationen zulässt, als auch der Zeitstrahl scheinen vor allem eines sagen zu wollen. Die Postmoderne ist endgültig vorbei und reif für Geschichtsbücher.

Der Glaube an die eigene Nicht-Festlegbarkeit durchtränkte die Postmoderne. Nachfolgenden Generationen kann dieser Glaube dann jedoch herzlich egal sein. Sie braucht ein Label für das Vergangene und eine Erzählung, die es vom Jetzt abgrenzt. Diesem Prozess des Abbindens und Feststellens einer diversen Bewegung kann man in der Postmodernism-Ausstellung mit einigem Spaß am Ausgefallenen zusehen.

Mit dem Stillstellen leistet die Ausstellung aber auch eine bisher nicht dagewesene Konsolidierung der Postmoderne. Sie entwirft einen Kanon. Mithin wird damit die Voraussetzung geschaffen, mit dem ewigen Postmoderne-Bashing aufzuhören und wieder positiv darauf Bezug nehmen zu können.

Es lebe die Postmoderne!

One thought on ““Postmodernism. Style and Subversion 1970–1990″ im Landesmuseum Zürich

  1. Laura

    Der Zeitstrahl hat mich am Anfang etwas irritiert. Mir kam es vor, dass teilweise wahllos Historisches genannt wurde und der Bezug der Postmoderne zu teils Schweizerischen und teils weltlichen Ereignissen nicht klar herausgestellt wurde bzw. inwiefern hatten ausgesuchte Ereignisse was mit der Postmoderne zu tun. Also was spiegelte sich davon in der Kunst etc. ab. Für eine zeitliche Einrahmung fand ich es etwas komisch ausgesucht.
    Im Musikvideoraum konnte man übrigens selbst VJ sein und die Videos starten wie man wollte. Groß natürlich: Talking Heads und Devo!

    Zur modernen oder auch postmodernen Bloggestaltung: Probier mal Blocksatz im Text aus, vielleicht liest es sich etwas besser und die Bilder zentriert (sah ich bei anderen Beiträgen), gibt nette Formen. Hilfreich für passende Bildergrößen: Add-on “Measurelt On” für das Feuerfüchschen. Gruzh..

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