“NY at its Core” Die neue Dauerausstellung des Museums of the City of New York.

Es ist dunkel in der Ausstellung NY at its Core. Der erste Raum ist in schwarz getaucht, nur die Bildschirme, Projektionen, die weißen Texte und die eher spärlich ausgeleuchteten Objekte spenden etwas Licht. Es ist, als wollte die neue Dauerausstellung des Museums of the City of New York warnen: Im Kern von New York lauert ein Abgrund. Und in der Tat ist das erste Objekt der Ausstellung ein Totschläger. Auch wenn es sich dabei um einem kunstvoll ornamentierten Schläger handelt, der wohl vornehmlich zu rituellen und diplomatischen Zwecken diente, steht dieser exemplarisch für einen der verbrecherischsten Abgründe in der Geschichte New Yorks. Ironischerweise war dieser „ceremonial club“ – so wird vermutet – ein Geschenk eines Lenape (jene indianische Gruppe, die die New Yorker Bucht und die umgebenden Gebieten Anfang des 17. Jahrhunderts hauptsächlich besiedelten) an Johan Björnsson Printz, den dritten Gouverneur von Neuschweden. Er stammt wohl aus einer Zeit, in der die Beziehung zwischen den Kolonisierten und Kolonisatoren noch von einem Verständnis geprägt war, das heute lange verloren ist. In der Schau des New Yorker Stadtmuseums steht die zeremonielle Waffe für die, die tausende Jahre dort wohnten, wo heute New York ist, die vor den Europäer_innen, Afrikaner_innen und Asiat_innen und Lateinamerikaner_innen da waren, die aber der europäischen Aggression nichts entgegenzusetzen wussten.

Design: Studio Joseph, Fotograf: Thomas Loof

Design: Studio Joseph, Fotograf: Thomas Loof

Die gegenwärtig sicherlich umfassendste Ausstellung zur Geschichte New Yorks macht immer wieder eben jene historischen Bewohner_innen der Hudson-Bucht sichtbar, die in anderen Darstellungen der Stadtgeschichte nur Fußnoten sind. Das macht sie über zahlreiche individuelle Geschichten, denen an großen Touchscreens nachgegangen werden kann: Darunter mit Penhawitz nicht nur ein bedeutender Lenape, sondern auch die freie afrikanische Siedlerin Maria van Angola oder die 1836 ermordete Edelprostituierte Helen Jewett; und auch über einige prägende Tierarten New Yorks, wie den Bibern oder Schweinen, lässt sich an den Bildschirmen mehr erfahren. Die Ausstellung versucht die manchmal vergessenen Handelnden der New Yorker Geschichte aber vor allem auch in ihren Texten und Objekten einzuholen. Sie unterstreicht, dass New York in der Mitte des 18. Jahrhunderts die zweitgrößte Sklavenbevölkerung in den Kolonien nach Charleston hatte und legt diesem Verdikt ein paar Handschellen bei, die in der Nähe der kolonialen Kaianlagen New Yorks gefunden wurden. Bei der Objektauswahl wurde – wenn nötig – wie im Fall des Lenape Prügels auch gegen die eigene Sammlung gearbeitet. Der eingangs erwähnte Totschläger ist etwa eine Leihgabe des Skokloster Schloss in Schweden (Und so wird vermutlich der konkrete Grund für die Dunkelheit auch in der Bedeutsamkeit und konservatorischen Empfindlichkeit der Objekte liegen.)

Lenape Ceremonial Club. Foto: Museum of the City of New York

Lenape Ceremonial Club. Foto: Museum of the City of New York

Zeigt “NY at its Core” nun also eine ganz andere Stadtgeschichte: vielfältig, unabgeschlossen und aufrüttelnd? Zur Beantwortung dieser Frage heißt es, noch einmal am Anfang zu beginnen: Der Einleitungstext zur neuen 750 m2 großen Ausstellung beginnt mit einer These: „New York at its Core argues that the city’s identiy has been shaped by four defining themes: money, diversity, density, and creativity.“ Es ist genauso ungewohnt wie erholsam, dass ein Museumstext einen Standpunkt erkennen lässt. So wird deutlich, hinter der Ausstellung stecken Menschen, die eine Perspektive und Agenda haben. Es ist nur folgerichtig, dass auch die Einleitungstexte zu den Galerien mit Namen unterschrieben sind. Sarah Henry, Hilary Ballon vom Museum und der freie Autor Steffen Jaffe haben die Schau kuratiert. Umso enttäuschender ist es allerdings, dass bei mir am Ende der Eindruck geblieben ist, dass die Ausstellung dann doch in die Falle tappt, die eine, umfassende und zum großen Teil bekannte Geschichte New Yorks zu erzählen: eine Meistererzählung vom Aufstieg New Yorks bis in die 1920er Jahre (in denen es London endlich überflügelte) und den schwierigen Jahren danach mit Wirtschaftskrise, Suburbanisierung und Postindustrialisierung, die in der finanziellen und urbanen Krise der 1970er gipfelten, bevor dann die Stadt nicht zuletzt wegen einer schmerzhaften, aber klugen Politik und beflügelt von der Finanzindustrie zurückkam, um die Liste der Weltstädte anzuführen. Einen Status, den auch der 11. September und Hurricane Sandy nicht in Gefahr bringen konnte.

Zweiter Raum der Ausstellung: World City 1898-2012. Foto: Filip Wolak.

Zweiter Raum der Ausstellung: World City 1898-2012. Foto: Filip Wolak.

Doch woher rührt dieser Eindruck, wenn die Ausstellung sich doch sehr wohl auch um die Brüche und Abgründe der New Yorker Geschichte kümmert? Letztlich vertraut sie zu wenig auf die verschachtelten, unabgeschlossenen Geschichten ihrer Objekte. Sie zeigt noch zu viele Objekte, stellt sie häufig unverbunden nebeneinander und geht ihnen nur oberflächlich nach. Szenografisch und thematisch werden zudem wenige Schwerpunkte gesetzt, sondern alles in der gleichen Weise präsentiert – wodurch die streng chronologische Ausstellung zwar an Klarheit gewinnt aber auch an Kontur verliert. Noch dazu ist es eben ziemlich dunkel in der vom renommierten Studio Joseph designten Szenografie. Das alles führt dazu, dass ich mich und wohl auch die meisten Besucherinnen, die ich beobachten konnte, dann doch den zahlreichen langen weiß-strahlenden Texten und den Bildschirmen zuwenden. In diesen Texten und Animationen aber herrscht ebenjenes Narrativ vom Aufstieg und Fall – vor allem je näher die Gegenwart in der historischen Erzählung rückt.  Was bleibt, ist der Eindruck einer Geschichte der Bürgermeister und ihrer Politiken. Und so unterminiert die Ausstellung in gewissem Sinne wieder ihre eigenen Bemühungen, auch die Geschichte der Marginalisierten, die Geschichte der Abgründe zu erzählen.

Dritter Raum: "Future City Lab". Foto: Thomas Loof

Dritter Raum: “Future City Lab”. Foto: Thomas Loof

10,5 Millionen soll die Ausstellung gekostet haben, die sich auf alle drei Galerien des Erdgeschosses erstreckt. Ein großer Teil dieser Gelder floss aber gar nicht in die Aufarbeitung der Geschichte New Yorks, sondern in jenen dritten Teil der Ausstellung, der sich nach zwei Teilen zur Geschichte um die Zukunft der Stadt bemüht. In diesem Future City Lab lässt sich mit interaktiven Simulationen den aktuellen Fragen der New Yorker Stadtgesellschaft nachgehen: Wie kann New York mit seiner wachsenden Bevölkerung umgehen, wo sollen diese Menschen in Zukunft leben und wie von A nach B kommen, etc.? In diesem dritten Raum, der im Gegensatz zu den beiden anderen von Tageslicht durchflutet wird, herrscht dann auch wieder das Licht der Aufklärung. Das Future City Lab liefert einen Vorschlag dafür, wie es Stadtmuseen schaffen könnten, zu einem lebendigen Ort für den Austausch möglichst vieler Gruppen in der Stadt zu werden.

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