Museo Poschiavino

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Es wäre einfach, eine genauso fundierte wie blasierte Kritik des Talmuseums im Puschlav zu schreiben. Hier im Hauptort dieses Graubündner Tals an der Grenze zu Italien, das einer Postkarte entsprungen zu sein scheint, heißt das Museum noch schlicht “Museo”.  Zwar gibt es noch ein zweites, aber das ist eben das Kunstmuseum. Das Museum hingegen versammelt all das, was als Zeugnis der Kultur der Region gelten und auf das der Stempel Kunst nicht passen mag (oder zwar Kunst ist, aber nun mal zufällig die wichtigsten Bürger_innen des Tals abbildet).

Ein Querschnitt der Geschichte will das Museum bieten, womit die “glaubhafte Wahrheit des Geschichtlichen” gemeint und die so oft strapazierte “Authentizität” angestrebt ist. In den Texten zum Museum wimmelt es denn auch von den “eh und je”s, den “genau so wie damals” und den “längst vergangenen Tagen”. Die Räume des Museums zeichnen die romantisierten Bilder des Alltagsleben im Tal, das sich – so legt die Inszenierung wohl auch ganz bewusst nahe – doch vom Mittelalter bis ins späte 19. Jahrhundert, ja eigentlich bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nicht wesentlich verändert hätte. Der Pflug des 19. Jahrhunderts, die Käseharfe, die Bettflasche aus Kupfer oder Zink, der Latrinentopf und einfache wie edle Möbel vom 17. bis 20. Jahrhundert dürfen da nicht fehlen und alles findet auch irgendwie nebeneinander Platz. Im Sinne der “Atmo” ist auf dem Küchenschrank des 19. Jahrhunderts frisches Mehl zur Pyramide drapiert, bereit mit dem raffinierten Zucker im Schälchen daneben zu jenem Teig verarbeitet zu werden, aus dem das Tal-typische Ringbrot geformt wird. Das unsystematisierte Anfüllen der Räume mit fein säuberlich polierten Gegenständen unter Einhaltung des musealen Mindestabstands klischiert letztlich die Geschichte zum “so war es”. Das Heimatmuseum gewinnt der Geschichte dabei vor allem zwei Weisheiten ab, die offenbar trotz Widerspruchs zueinander finden können: “manches ändert sich nie” und “alles anders heute”. Das “Bleibt-alles-anders” passt dann auch auf die Sozialgeschichte, die immer wieder impliziert ist, in der die reichen Familien der einfachen Bevölkerung mit ihrem armseligen und vor allem mühsamen Leben gegenübergestellt sind. Auf mich wirkt das Museum zudem häufig unfreiwillig komisch. Ob bei den Figurinen, die eher einem Modeladen der frühen Achtzigerjahre entsprungen zu scheinen, oder bei den Texten, die individuelle Lebensentscheidungen im (Kurz)Schluss mit historischen Ereignissen verbinden. So heißt es in einem Text über den letzten Erbe der Patrizierfamilie, in deren Haus der Hauptsitz des Museums Platz findet, über Thomas Alfons Maria von Basso (1907 – 1989):
“Traumatisiert von der Russischen Revolution und der Ermordung der Zarenfamilie, aber auch von der ‘Reichskristallnacht’ 1938 und den totalitären Regierungssystemen, beschliesst er, auf Kinder zu verzichten.”

Regiontypisches Ringbrot_Talmuseum Puschlav

Aber trotz der im Museum realisierten – übertrieben gesagt – museologischen Vorhölle, in der das Museum noch gleichbedeutend mit historischer Wahrheit ist, schafft das Talmuseum stellenweise etwas, was auch den ambitioniertesten Museumskonzeptionen zumeist durch die Lappen geht: es fasziniert für die Geschichten hinter den Materialitäten, deren Erhaltung es sich auf die Fahnen schreibt. Vor allem der zweite Standort des Talmuseums hat es diesbezüglich in sich: die Casa Tomé. Auch dieses Haus (kuratiert von Alessandra Jochum-Siccardi) stellt der kleine Führer dazu zwar als eines der besterhaltenen Bauernhäuser des Alpenraumes und als “authentisches Zeugnis der bäuerlichen Kultur” vor. Das Haus, das wie ein klassisches Wohnmuseum funktioniert, also als Reinszenierung eines vergangenen Einrichtungsstils daherkommt, ist aber gleichzeitig Ort einer anderen Geschichte. Die Casa Tomé war bis 1990 Heimat der unverheiratet gebliebenen Töchter des Gemeindepolizisten, der bereits 1937 gestorben war. Marina, die Älteste, Ida, die Zweitgeborene, die taubstumm und mit einer körperlichen Behinderung im Familienkontext von den anderen gepflegt wurde, sowie Rosina und Luigia, die sich bis zum Schluss an das Haus klammerte, dann aber doch gegen ihren Willen ins Altersheim kam. Und von diesen Schwestern erzählt auch die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Museums. Wenn sie den Streit mit der nebenan liegenden Metzgerei schildert, die doch nur zu gerne ein paar Quadratmeter der Casa Tomé für eigene Erweiterungen abgezwackt hätte, oder wenn sie die selbstgeflicketen Kleider der Schwestern vorzeigt und deren modischen Wert anerkennend hervorhebt; wenn sie das karge und isolierte Leben der Schwestern andeutet, dann scheint eine Mentalitätsgeschichte des Tals (und auch generell dörflicher Kulturen) auf, die mir noch nirgends so konkret vor Augen geführt wurde.

KatalogFührer_Casa Tomé_01

Gerade da ließe sich nun auch museologisch weiterdenken: Wie kann ein Museum dieses Haus für seine verschiedenen Geschichten offenhalten? Und dabei verbietet es sich dann eben die Texte zum Haus behaupten zu lassen: “So lebten unsere Vorfahren”. Vielmehr müssten wohl die Vermittlungsmedien weitere Materialien liefern, die das Haus erschließbar machen: Mehr von dem, was die erste Seite des kleinen bereits zitierten Führers bereits bietet. Denn dort darf die letzte Bewohnerin des Hauses, Luigia Tomé, sprechen:

“Bis vor wenigen Jahren sagte man, unser Haus sei eine ziemliche Bruchbude. Jetzt sagt man mir, dass unser Haus, wertvoll sei, so wie es ist. Wem soll ich nun glauben?”

Katalog_Führer Casa Tomé

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