“Martin Scorsese” in der Deutschen Kinemathek Berlin

Die Rasierklinge scheint ganz sanft über die Haut zu gleiten. Zahlreiche kleine Wunden hinterlässt sie dennoch. Das Blut tropft an den typischen 60er Jahre Armaturen vorbei in das Waschbecken. Statt mit weißem Rasierschaum bedeckt, ist das männliche Kinn nun dunkelrot gefärbt. Zum Ende des Kurzfilmes “The Big Shave”, der zu den Bekanntesten aus der frühen Karriere Martin Scorseses zählt, blendet der ganze Bildschirm in ein tiefes Rot über. Der alternative Titel des Filmes, “Viet 67″, suggeriert eine Kritik am Vietnam-Krieg der USA.

Dieser Einstieg in die Ausstellung der Deutschen Kinemathek im Sony-Center am Potsdamer Platz erinnert an die experimentellen Anfänge eines der erfolgreichsten Regisseure aller Zeiten und ist der einzige Film von Scorsese, der in der Ausstellung in voller Länge gezeigt wird. Ansonsten sind unter den Rubriken “Familie”, “Brüder”, “Männer und Frauen”, “Lonely Heroes” und “New York” Filmausschnitte, Set- und Privatbilder, Drehbücher, Briefe, Sketches, Kostüme, Requisiten, Filmposter und der Original-Essenstisch der sizilianischen Familie Scorseses aus ihrem Apartment in Little Italy zu sehen. Das einzige hervorstechende szenografische Element ist ein Stadtmodell New Yorks, an denen die Orte markiert sind, die in Scorseses Filmen an prominenter Stelle auftauchen.

Martin Scorsese

Foto: Paramount Pictures / Touchstone Pictures

Es geht um Scorseses Filme, kaum um Scorsese. Bis auf den Familienteil beschränkt sich die Schau auf die filminternen Themen, Motive und Sujets, den Konstanten in Scorsese facettenreichem Werk. Zeichnungen Scorseses zeigen die ästhetische Detailgenauigkeit, mit der er gerade die zwischenmenschlichen Berührungen mit der Kamera einfangen wollte. Fotos von Robert De Niro mit Boxernase verdeutlichen das stete Bemühen Scorseses seine Schauspieler_innen zu Höchstleistungen zu treiben. Recherchematerial, das Nietzsche in Offizierpose, Stalin und eine katholische Heilige zeigt, macht die Bandbreite der kulturellen Zitate in Scorseses Filmen deutlich. All diese Stücke aus dem Kosmos Scorsese sind liebevoll und dennoch zurückhaltend arrangiert. Überall fühle ich mich erinnert und will am liebsten alle Filme an einem Wochenende auf einmal durchschauen. Die Deutsche Kinemathek bedient hier eine Funktion von Museen, die meist erste Zielscheibe für die Museumskritik war: es ist ein Tempel der Verehrung, ein Haus des Heiligen Scorsese. Das wird besonders deutlich an den Kostümen, die in diesem Kontext eben doch vielmehr Devotionalien sind: die Boxershorts und Boxhandschuhe von Raging Bull oder das Blutverschmierte Shirt aus Kap der Angst, die oft auratisch minimalistisch hinter Glas Platz finden.

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Foto: Martin Scorsese Collection, New York

Die Ausstellung fesselt und lässt träumen, weil Scorsese für gewöhnlich genau das mit einem im Kinosessel macht. Das Einzige, was ich mir manches Mal gewünscht hätte, sind Kontextualisierungen. Wie hängen Hollywood und Scorsese zusammen, welche Rolle spielen die Politik, die Geschichte, die Filmtechnik und der Zufall ins Scorseses Werk. Das dies nicht ganz unmöglich gewesen wäre, zeigt nicht nur der beschriebene Einstieg sondern auch die ersten Ausstellungsteile zur Herkunft Scorseses. Die Familienfotos, die suggestiv neben den Castfotos von Goodfellas, Scorseses filmischer Hommage an die sizilianisch-amerikanische Familienbande, gehangen sind, lassen vermuten, dass die Traumwelt Hollywoods häufig doch ganz reale Vorbilder zum Beispiel in dem mit Coca-Cola-Dosen gedeckten Esstisch einer sizilianischen Familie in New York hat.

 

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