Maos Mango. Massenkult der Kulturrevolution. Im Museum Rietberg Zürich

Eine Mango in voller Reife in einer kleinen genau an sie angepassten Vitrine. So schlicht wie absurd ist das zentrale Ausstellungsstück in der gegenwärtigen Sonderausstellung des Museums Rietberg in Zürich (der seltene Fall eines ethnologischen Kunstmuseums). Diese Preziose liefert den Einstieg in die Schau und taucht in der eher kleinen Ausstellung in nur leicht veränderten Formen immer wieder auf.

Mango-Vitrine der Allgemeinen Werkzeugmaschinenfabrik Beijing Nr. 1 mit Wachsmango. August 1968.Foto: Rainer Wolfsberger

Mango-Vitrine der Allgemeinen Werkzeugmaschinenfabrik Beijing Nr. 1 mit Wachsmango. August 1968.
Foto: Rainer Wolfsberger

Der Mango sieht man unterdessen die über 40 Jahre, die es auf der Schale hat, fast gar nicht an. Und so könnte sie noch in der jetzigen Fassung ein Heiligtum für die Healthy-Food-Bewegung sein. Schließlich soll die Mango den Darm beruhigen, das Herz stärken und dazu einen positiven Effekt auf das Gehirn haben. In die hier ausgestellten Vitrinen kam die Wachsmango aber weniger wegen ihrer Heilkräfte oder ihrer Süße, sondern aufgrund einer Verquickung besonderer Umstände. Während der Hochphase der chinesischen Kulturrevolution (Ende der 1960er) schenkte der “Vorsitzende” Mao Tsetung eine Kiste Mangos, die er wiederum vom pakistanischen Außenminister geschenkt bekommen hatte, den von ihm eingesetzten Arbeiterpropagandatrupps — eigentlich Armeetruppen, die dabei waren, die Studierenden der Pekinger Universität zu entwaffnen, um die Kontrolle über die aus den Rudern gelaufene Kulturrevolution wieder zurückzugewinnen. Von da an wird der Mango im kommunistischen China für nicht viel mehr als ein Jahr kultische Verehrung zu Teil, bevor der Kult ein abruptes Ende findet. Als Zeichen für Maos Güte wird sie in dieser Zeit in Vitrinen gelegt, auf Massenaufmärschen in übergroßen Ausführungen auf übergroßen Obsttellern präsentiert. Die Mango findet sich auf Bettwäsche, Tellern, Schüsseln, Tassen, Zigarettenpackungen etc. wieder, häufig kombiniert mit Mao-Bildnissen, kommunistischen Losungen oder in anderen Mixturen mit maoistisch-chinesischer Mythologie.

Zwei ungeöffnete Zigarettenpackungen der Marke Mango. Um 1980.Foto: Rainer Wolfsberger

Zwei ungeöffnete Zigarettenpackungen der Marke Mango. Um 1980.
Foto: Rainer Wolfsberger

In der von Alexandra von Przychowski und Alfreda Murck kuratierten Ausstellung ist das alles klassisch präsentiert. In Vitrinen findet sich das Dreidimensionale, an den Wänden die Flachware. Nur die zwischen Pastell und Neon wechselnden Wandfarben von hellgrün bis dunkelorange fallen heraus und nerven dabei etwas, ähnlich wie die Texte, die auf großen Karteikarten neben den Exponaten etwas sehr tief aufgehangen sind — wohl weil so der englische und französische Text auf der Rückseite Platz finden konnte und die Schau nicht von Text überladen wirkt.

Das Banale auratisieren. Seit den 70er Jahren ist das ein immer wieder beliebtes Motiv von Museen. Die Niveadose, die Bleistifte von Heinrich Böll, ein mit Karnevalskamellen beklebte Schuh, der Maggiewürfel usw. Das alles fand und findet in Museumsvitrinen Platz. Die Faszination entsteht aus der Fallhöhe zwischen Wert des Ausgestellten und ausgestelltem Wert. Die Ehre, die sonst nur dem materiell ausnehmend wertvollen zu Teil wird, kommt so als Ironie wieder, die auf einen Zusammenhang in der Welt oder der Geschichte hinweisen soll. Das Banale in der Vitrine erzeugt eine Neugier, die auf Beantwortung wartet. Und so kann das Museum endlich seiner selbstgegebenen Pflicht nachkommen und die Besuchenden aufklären und bilden. Das Blech der Niveadose ist wenige Pfennige/Rappen wert, die Platzierung hinter Vitrinen impliziert die Bedeutung, die aber die Dose in der Werbesprache der neuen Sachlichkeit kulturgeschichtlich eingenommen hat.

Das Museum Rietberg macht sich diesewohlbekannte Strategie von Museen zu Nutze, ohne sie selbst anzuwenden. Schließlich legt es die Mangos nicht in Vitrinen, sondern stellt schon vitrinisierte Mangos aus. Auch das erzeugt eine Neugier und so lesen die Besuchenden konzentriert die Texte und drängen sich um die beiden Filme, die in der Ausstellung laufen, in der Hoffnung, dass diese Ihnen das Rätsel der Wachsmango erklären können. Das Konzept geht also ganz hervorragend auf. Die Besuchenden lachen, staunen, spekulieren, lesen und lernen (wahrscheinlich) — und zwar in der Reihenfolge.

Angehörige der Arbeiter-Bauernpropagandatrupps an der Qinghua-Universität bejubeln das Geschenk der Mangos. August 1968, Schwarz-Weiss-Fotografie.Foto: Rainer Wolfsberger

Angehörige der Arbeiter-Bauernpropagandatrupps an der Qinghua-Universität bejubeln das Geschenk der Mangos. August 1968, Schwarz-Weiss-Fotografie.
Foto: Rainer Wolfsberger

Sorgen bereitet mir nur der Exotismus, den die Ausstellung versprüht. Die Mangos in Vitrinen waren schließlich während der Kulturrevolution kein Stilmittel für die Bildung eines kulturbeflissenen Publikums, kein kuratorisches Mittel der Ironie. Die Ausstellung zeigt: das war ernst gemeint, sehr ernst sogar. Die daraus resultierende Frage ist dann aber: Wie konnten die Chinesen auf solch ein Propagandamittel ‘hereinfallen’? Und so ist das auch eine Schau, die sagt: die spinnen doch, die Chinesen — zumindest die während der Kulturrevolution. Ein Bruch mit dieser Von-Oben-Herab-Logik, die doch den ethnologischen Museen seit ihren Anfängen immanent ist, wäre mindestens angebracht gewesen. Schließlich spielt zum Beispiel der Apfel auch keine Klare Rolle in der westlichen Kultur. Als ein (vermutlich) Mandarin-sprechendes Päarchen durch die Ausstellung läuft folgen jedenfalls die Blicke der meisten anderen Besucher_innen den beiden auffallend aufmerksam und zwar — so will ich es vielleicht auch erkannt haben — mit leichtem Stirnrunzeln…

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