Kriminalistik vor Geschichte. Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale).

Über archaische Menschen, Superlative, die Himmelsscheibe und naturalistische Zeichnungen in der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte Sachsen Anhalts in Halle (Saale).

Das Landesmuseum ist ein stolzes Museum. Es ist stolz auf seine herausragenden, weltbekannten Einzelstücke – allen voran die Himmelsscheibe von Nebra, aber auch auf den Reiterstein von Hornhausen oder die Familiengräber von Eulau. Es ist stolz auf seine bedeutenden archäologischen Sammlungen, auf seine preisgekrönten Ausstellungen und auf seine Besucherrekorde.

Diesen Stolz trägt es nach außen. Das meint nicht in erster Linie die Architektur von Wilhelm Kreis, die an dessen hunderte Male in Deutschland umgesetzten Entwurf für einen Bismarckturm “Götterdämmerung” erinnert. Für diese können die Museumsverantwortlichen ja nichts. Vielmehr fallen die allgegenwärtigen Superlative sowohl in der Selbstbeschreibung, als auch in den Ausstellungstexten auf. Überall wimmelt es vom Bedeutendsten, Renommiertesten und vor allem vom Ältesten. Die älteste konkrete Himmelsabbildung der Welt. Ältester Fingerabdruck. Nach diesem Prinzip kann auch das Zweite in der Fundstückbestenliste noch gewinnen: Der zweitälteste Kastenbrunnen der Welt.

Man kann das als Marketingmaßnahme abtun. Es spricht jedoch darüber hinaus eine besondere Vorliebe für Ursprünge aus diesen Vergleichen mit dem Rest der Welt. Nicht umsonst gibt es im Deutschen ein Synonym zur Vorgeschichte, die Urgeschichte. Das Landesmuseum bemüht sich vor allem um den Ursprung eines Phänomens, des Menschen. In einem der ersten Überblickstexte heißt es folglich: “Der Schlüssel zum eigentlichen Verständnis des Menschen liegt in der Ursteinzeit”. Im folgenden Teil der Ausstellung wird dann mit allerlei szenografischen Mitteln versucht, genau diese These ins Bild zu setzen, genauer gesagt, in den Museumsraum zu transformieren. Eine Rekonstruktion der Ausgrabungsstätte von Bilzingsheim, die in eine schiefe Ebene transformiert, zunächst wie eine staubige Fläche schlechtgegossenen Betons aussieht. Nach und nach entdeckt man Knochen, Geweihstücke, Steinflächen, vielleicht versteinerte Speiseabfälle, wenn man archäologisch geschult ist. Die Aussage: Der Mensch schafft sich eine Umwelt, schon bevor er den Beinamen “Sapiens” bekommt. Anhand eines vollständigen Waldelefantenskeletts wird die Jagd in Szene gesetzt. Dazu dient eine lebensgroße Rekonstruktion des Elefants, naturalistische Zeichnungen vom Ablauf der Jagd in Seenähe und ein Video von frei lebenden Elefanten. Höhepunkt der Inszenierungen bildet schließlich das lebensechte Modell eines archaischen Homo Sapiens, der einem Mammutskelett in Rodin’scher Denkerpose gegenüber sitzt. Seine Sichtachse ist wohl nicht ganz zufällig. Er schaut zum Neolithikum, die Geburtszeit des sesshaften Menschen, der zum ersten Mal hierarchisierte Sozialformen ausbildet. Auch der Urmensch war ein denkender Mensch, sprachbegabt, planungsfähig und eben nachdenklich, melancholisch fast, auf jeden Fall aber tiefempfindend.

Da sitzt ein großes Stück Kunststoff und verkörpert das “eigentliche Verständnis” des Menschen. Fast ist es mir ein wenig peinlich, an dieser Stelle auf eine mittlerweile etwas abgenudelt wirkende Erkenntnis hinzuweisen: “Geschichte ist gemacht”. Diese Ausstellung will ihre Objekte zum Sprechen bringen und erzählt vom Menschen und davon, wie er nicht im 18. Jahrhundert erscheint, wie noch Foucault in seiner Ordnung der Dinge behauptete, sondern schon in der Altsteinzeit. Als empirisch-transzendentale Dublette treibt er den Lauf der Geschichte seit 300 000 Jahren voran. Als wäre das historische Bewußtsein nicht ebenso ein Produkt der Neuzeit. Wo Vordatierungen grassieren, sind Hinweise auf anthropologische Konstanten nicht weit. Kleine Statuetten aus dem Unstruttal werden als stilisierte Frauenfiguren interpretiert, dazu werden Bohrer(!) ähnlicher Größe zum Vergleich präsentiert. Bei der Inszenierung zur Holzbearbeitung im Neolithikum wird nicht nur ein eindrücklicher Effekt durch eine große Masse unterschiedlicher Beile an der Wand erzeugt, sondern auch ein unbeschriftetes Video gezeigt, in denen zwei schwarze Männer eine Holzaxt bauen. Es hat sich also nicht viel verändert seit damals, zumindest für einige Völker auf dieser Erde, scheint die Ausstellung, in einem längst überwunden geglaubten kolonialen Gestus, vermitteln zu wollen. Bei den Familiengräbern der Bronzezeit finden sich Frauen und Kinder in einem Grab. Dass einige der Kinder nicht leibliche Kinder sind, führt zur Bezeichnung: Stieffamilie. Dass die Familienformen ganz anders gewesen sein könnten, als in unserer heutigen Vorstellung denkbar, kommt in der Ausstellung nicht vor.

Das alles würde mir weniger aufstossen, wenn die Ausstellung nicht vor allem von einem Superlativ strotzen würde, der allerdings nicht auf das Älteste, sondern auf dessen Gegenteil, das Neueste verweist. Die präsentierten wissenschaftlichen Ergebnisse gehen auf “neueste kriminologische Verfahren” zurück. Das klingt zunächst nach qualitativer Spurensuche, in der der Spürsinn, das Augenmaß und die Intuition eine Rolle spielen, um eine Geschichte zu erzählen. Die archäologischen Objekte bilden Nebensächlichkeiten ab. Sie sind kleine Zeichen, Symptome, die kombiniert werden müssen, zu einem Netz zusammengewebt werden müssen, um eine sonst nicht erreichbare Realität einzufangen. Ebendiese Vorstellung macht häufig die Faszination der Archäologie aus. Leider ist aber die im Museum zitierte Kriminaltechnik gerade das Gegenteil der subjektiven Spurensuche, sondern ein Modus der Wahrheitsfindung, die von allen irrationalen und emotionalen Gesichtspunkten befreit ist und den perfekten Sachbeweis liefern will. Es geht in der Ausstellung um unumstößliche Wahrheiten. Wahrheiten nicht nur über Geschichte, sondern über den Menschen von damals wie heute.

Die teilweise aufwendige Szenografie und Gestaltung schafft dabei keine Distanzierung, sondern will die suggestiven Botschaften erlebbar machen. Das funktioniert sehr gut. Man fühlt sich wohl in den Räumlichkeiten. Die Texte sind übersichtlich. Die Objekte selten schön arrangiert. Sie schaffen Aufmerksamkeit, wecken Interesse, lassen einen gar Staunen. Die Ausstellung integriert dabei auch verschiedene Präsentationsweisen. Allgemein nehmen die Rekonstruktionen von der Altsteinzeit in die Bronzezeit deutlich ab. Immer mehr wird das Objekt als Werk, ja als Meisterwerk inszeniert. Am Ende steht die Himmelsscheibe von Nebra, in einem eigenen fast gänzlich abgedunkeltem Raum, wäre da nicht ein Sternenhimmel, der sich über einem dreht. Nur das Bonbonlutschgeräusch der Aufsichtsperson erinnert daran, dass es sich um ein Museum handelt und keinen Andachtsraum. Am Eingang zur Reliquie findet sich die Schildbeschreibung aus der Ilias von Homer auf Griechisch und Deutsch. Der Anfang westlicher Kultur liegt folglich wohl doch eher in Nebra bei Halle und nicht in Troja.

Mich, als Hallenser, macht dies und das Museum für Vorgeschichte mit seinen äußerst gut gemachten Museumsinszenierungen nicht Stolz. Es macht mir Bauchschmerzen.

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