Kaiser, König, Bettelmann. Spielen in Alt-Berlin 1871–1933. Märkisches Museum Berlin.

Als ich die Ausstellung betrete, fühle ich mich vor allem sehr alleine. Obwohl ich doch von Einigem umgeben bin. Ich befinde mich neben Bauklötzen von der Jahrhundertwende, mit denen eine Berliner Kirche nachgebaut wurde, unweit davon stehen in einem alten Sammlungsschrank Puppenhausmöbel verschiedenster Größe, deren Detailtreue von heutigen Ego-Shooter-Computerspielen nicht erreicht wird, am Ende des ersten Raumes liegen in einer Vitrine die Metallbaukästen der Berliner Firma Walther & Co, die in einer Ingenieursschule noch heute kaum als Spielzeug auffallen dürften.

Märkisches Museum_Spieleausstellung_Vitrine_1

Allein mit den Museumsdingen zu sein, erinnert an eine Traumvorstellung. Häufig scheint das doch die Voraussetzung zu sein, um die Dinge als Lebendige zu imaginieren. Und dennoch fühle ich mich an diesem Samstag-Nachmittag im Märkischen Museum, dem Hauptstandort des Berliner Stadtmuseums, nicht wie Adam Sandler in “Nachts im Museum”. Derweil scheinen die Bedingungen bestens zu sein. Ist doch Spielzeug dafür gemacht, durch die Phantasie zum Leben erweckt zu werden. Auch in meiner Kindheit hatte der Kampf zwischen Cowboys und Indianer in dieser Spielfigurenstadt, die für mich doch den wilden Westen quasi eins zu eins abgebildet hat, eine Realität, die auch durch den ermahnenden Ruf, zum Essen zu kommen, nicht zerstäubt wurde.

Nun stehen hier die Spielfiguren hinter Vitrinen. Niemand spielt damit. Die Phantasie entsteht doch aber eher im spielerischen Umgang, im Entwerfen einer fremden Welt mit Ihnen. Die bloße Betrachtung von Spielzeug läuft auf anderer Ebene ab. Die Faszination um die Lebendigkeit der Museumsdinge speist sich aus einer anderen Quelle. Es ist der Eindruck, dass sie alles, aber gerade nicht lebendig sind, es ist die Friedhofsvorstellung. Wie die lebendigen Toten ein klassisches Sujet der Traumindustrie sind, sind die lebendigen Dinge im Museum eine Vorstellung, die sich aus der gegenteiligen Erfahrung im Museum speist.

Märkisches Museum_Spieleausstellung_Vitrine_2

Bei mir will das mit der Phantasie in dieser Ausstellung, die aus eine der größten Spielzeugsammlungen Deutschlands hervorgegangen ist und sich auf den Berliner Raum konzentriert, nicht so recht gelingen. Das mag an mangelnder Phantasie liegen, führe ich aber lieber auf die Versuche des Museums zurück, eben dieser Friedhofsvorstellung zu entkommen. Leider. An den Wänden verteilt hängen immer mal wieder Hampelmänner, die man berühren, ja gar bedienen darf und zu ihren Verrenkungen bringen kann. Auch die Themen, die die Ausstellung vorgibt, lenken mich eher ab, als dass sie mich fesseln. Schließlich soll ich lernen, dass Spielzeug eindeutig gegendert war, dass es der Erziehung und Vorbereitung auf die Erwachsenenwelt diente. Auch der Hinweis auf die Abhängigkeit der Spiele von der Klassenlage darf natürlich nicht fehlen. Darüber hinaus bietet die Ausstellung sogenannte “Mitmachstationen”. Das klingt wahlweise nach “Hau den Lukas” oder im Museumskontext nach Türchen, die geöffnet, die Exponatbeschriftungen offen legen. Hier sind das vor allem Gesellschaftsspiele, die um 1900 amüsieren sollten. Das “Belagerungsspiel”, “Gänsespiel” und “Auf dem Schulweg” zeichnen ein eindrücklich klares Bild von der Lebens- und Vorstellungswelt der Kinder. In einem verwaisten Raum auf wackligen Tischen in Form wasserabweisender Plastik-Reproduktionen spielbereit ausgelegt, schlägt die anfängliche Faszination am Alleine-Sein dann doch in ein Gefühl des Mitleids um. Wirken doch Mitmachstationen ohne Mitmachende weniger einladend als vergeblich. Das ist schade, besonders da die Spiele äußerst spielenswert scheinen. Feld 5 des Würfelspiels “Auf dem Schulweg” lässt die Spielenden wissen: “Daß die Erde rund ist, will nicht in den Kopf. Eine Runde aussetzen.”

Das Märkische Museum findet aber seine Besucher_innen nicht. Dafür gibt es viele Gründe. Abseits der Touristenströme, mit einer Sammlung, die eher der Mark Brandenburg angemessen ist, als der Stadt Berlin, wenig Konstanz auf der Leitungsebene, die starke Konkurrenz der Institutionen, die sich um rezentere Berliner Geschichte bemühen, die der Stadt jährlich eine Touristenbekanntheit verleiht. Ein entscheidender Grund scheinen mir aber trotz der denkbar schlechten Ausgangsbedingungen auch die Wechselausstellungen selber zu sein: altbacken, bieder, oberflächlich in ihren Themen, vage in ihrer Objektverliebtheit.

Märkisches Museum_Spieleausstellung_Saal 1

Ganz allein bin ich in der Ausstellung aber nun doch nicht. Der Wärter beantwortet meine Frage, ob das hier immer so leer sei, mit einem schlichten: Ja. Und das ist schlicht sehr schade.

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