“Im Reich der Falten” im Museum Bellerive Zürich

Der Faltenwurf ist vielleicht der kunsthistorische Fetisch schlechthin. Die Schatten, Perspektiven und Farbverläufe von gemalten Falten können einer fast religiösen Verehrung zu Teil werden. Im Umkehrschluss gilt dann auch: Wer über Faltenwürfe in einem Barockgemälde sprechen kann, der hat Ahnung. Auch in der dreidimensionalen Mode ist die Falte etwas für Kenner_innen. Diejenige, die weiß, wo die Bügelfalte hingehört, hat Geschmack. Den Geschmack, der den feinen Unterschied zur modischen Masse ausmacht.

Issey Miyake, Kleid 2006/07; Polyester; Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung, Photo: FX.Jaggy/U.Romito © ZHdK

Issey Miyake, Kleid 2006/07; Polyester; Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung, Photo: FX.Jaggy/U.Romito © ZHdK

Nachdem aber die Bügelfalte spätestens mit dem Siegeszug der Bundfaltenhose in den 1970er Jahren kein geeignetes Mittel zur Distinktion mehr war, dauerte es eine Weile bis die westliche Modeindustrie die Falte als neuesten Schrei wiederentdecken konnte – wenn auch diese Falten weniger mit dem Bügeln als mit dem gekonnten Übereinanderlegen zu tun hatten. Das Museum Bellerive und seine Kuratorin Sabine Flaschberger machen für diese Wiederentdeckung in ihrer neuesten Ausstellung eine Weltregion verantwortlich, die hierzulande mit Strenge, Kollektivismus, High-Tech, aber eben vor allem auch mit gefaltetem Papier verbunden wird. Die Ausstellung “Im Reich der Falten – Mode und Textilkunst aus Japan” zeigt den Siegeszug einiger japanischer Labels in der internationalen Mode seit den 1980er Jahren. Issey Miyake, Yohji Yamamoto oder Comme des Garçons sind die großen hierzulande bekannten Namen, die schwärzer, asymmetrischer, androgyner und eben faltenreicher entworfen haben als der damalige Haute Couture Mainstream – wobei sich das Museum Bellerive vornehmlich auf Issey Miyake konzentriert und dazu Ausstellungs- und Werbeplakate sowie japanische Textilkunst zeigt.

Masao Yoshimura, Standing up cloth No. 1 1977; Textilskulptur; Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung, Photo: FX.Jaggy/U.Romito © ZHdK

Masao Yoshimura, Standing up cloth No. 1 1977; Textilskulptur; Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung, Photo: FX.Jaggy/U.Romito © ZHdK

Präsentiert wird die Mode auf gesichtslosen grauen Puppen mit Kopf oder ohne Kopf, auf Kleiderbügeln und liegend unter Vitrinen. Diese Gestaltung, für die Christian Horisberger verantwortlich zeichnet, visualisiert mit dieser Diversität dezent aber wirksam ein Hauptargument der Schau: die Mode der thematisierten Labels will nicht auf den Leib geschneidert sein und propagiert damit auch nicht ein mehr oder weniger gesundes Körperideal. Ich würde da zwar Zweifel anmelden. So scheint mir doch ein vom Körper abstrahierendes Kleidungsstück umso mehr den Blick auf einen zu normierenden Körper zu richten. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade mit dem Aufkommen der oversized Faltenkleider die Größe 0 (XXS) Eingang in die High Fashion findet. Immerhin aber versucht sich die Schau hier an einer immanent geschlechtspolitischen Argumentation. Eine Dimension, die bei anderen Fashion-Ausstellungen häufig ausgelassen zu Gunsten von selbstbezogenen ästhetischen Logiken wird, die deren Einflüsse auf die restliche Welt ausblenden. Die Emanzipation vom Körper des Menschen unterstreicht die Ausstellung noch dazu mit Textilkunst – zum Beispiel mit Masao Yoshimura und dessen “Standing up Cloth no. 1″. Das zentrale Interpretationsraster für die ausgestellten Stücke ist aber nicht das Geschlecht, es ist auch nicht die ästhetische Logik der Haute Couture zu Zeiten der Postmoderne und auch nicht die Sehnsucht nach dem Fremden in der sich globalisierenden Mode der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vielmehr ist es die unscharfe Kategorie der fremden Kultur, die hier als zentrale Ausstellungserzählung herhalten muss – wie der Titel ja auch schon nahelegt.

Folglich finden sich im Vermittlungsraum Origami-Faltbögen. Der Kimono darf auch nicht fehlen und wird mit Schnittmustern ausführlich erläutert. Die Gestaltung schlägt in die gleiche Kerbe und legt unter die Puppen graue Steine. Der so angedeutete Steingarten ist im Kontrast zur Jugendstilvilla vom Bellerive zwar schön anzuschauen, auch weil in dieser Umgebung befremdlich, aber ist doch schlicht exotisierend. Japan wird in der Ausstellung zu einem Land ohne Geschichte und ohne Beeinflussung von Außen. Dann interessiert auch nicht mehr, warum Paris diese japanischen Labels eigentlich in den 1980ern entdeckt oder welche beiderseitigen Transfers zwischen Europa, Nordamerika und Japan dem Erfolg dieser Labels in die Hände gespielt haben. Vor diesem Hintergrund wird zudem klar, warum die Ausstellung zwar eher monographischen Charakter hat und die Werke von Issey Miyake deutlich überrepräsentiert, aber sie dessen Übergewicht durch die visuelle wie textliche Argumentation unsichtbar macht. Das Autorenprinzip erscheint ja dann doch als ein ganz und gar westliches. In dieser Ausstellung soll es aber nicht um Autoren und Ideen gehen, sondern um die exotische Kultur des “fernen Ostens”. Das alles finde ich hoch problematisch: Weisen nicht Bezeichnungen wie “Hiroshima Chic” oder “Ästhetik der Armut” vielmehr darauf hin, dass es sich hier um ein durch und durch westliches Phänomen handelt? Die Ausstellung scheint mir den gleichen Exotismus zu reproduzieren, der vielleicht überhaupt erst zum Erfolg der Labels beigetragen hat. Japan, das sind graue Steine, Antikörperlichkeit, Minimalismus und Papierschwäne. Japan ist anders und eben vor allem gefaltet. Ein perfekter Fetisch für den Westen.

Ikko Tanaka, Issey Miyake – Making things 1999; Offsetdruck; Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Photo: FX.Jaggy/U.Romito © ZHdK

Ikko Tanaka, Issey Miyake – Making things 1999; Offsetdruck; Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Photo: FX.Jaggy/U.Romito © ZHdK

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