Hollywood Costumes im V&A in London

Die Schuhe von Darth Vader in “The Empire strikes Back” waren schlichte Wildlederboots, die einer Mischung aus Westernstiefel und meinen Winterschuhen ähneln. Der Rest des von John Mollo designten Outfits hat dagegen eine billige Plasteoptik, die von den meisten der Merchandise-Action-Figuren von Lukes Vater in ihrem Detailgrad übertroffen werden dürften. Da gibt das Kostüm von Indiana Jones schon mehr her, weswegen es wohl auch im ersten Saal der neuen Ausstellung im mittlerweile vom umtriebigen deutschen Museologen Martin Roth geleiteten Victoria and Albert Museum in London den weitaus größten Platz einnehmen darf. Die Verbindung aus Archäologieprofessor und Draufgänger findet seinen kostümierten Ausdruck in einer Mischung aus Lederjacke und erdfarbenem Hemd mit eingebauten Gimmicks, um allerlei kleine Gerätschaften aufnehmen zu können, dem nicht zu vergessen eine Peitsche beigegeben wurde. So entsteht ein Assoziationshof aus Western, Safari, Intellektualismus und Halbstarkem, der dem von Spielberg für die Leinwand geschaffenem Charakter voll und ganz entspricht, ja ihn für uns als Leinwandhelden überhaupt erst glaubwürdig werden lässt. Diese kleine Dechifferungsübung zeigt schon die grundlegende Herangehensweise der gezeigten Hollywood-Kostümschau. Sie will eine Schule des Sehens sein, im Sinne einer Schule des Lesens von Kleidung. Auf welche Eigenschaft der Leinwandfigur könnte dieses oder jenes Feature an dem Kostüm verweisen. Wer aufgepasst hat, wird den nächsten Hollywoodfilm mit anderen Augen sehen. Er/Sie wird die Charaktere früher durchschauen können. Jason Bourne (alias Matt Damon) hat eben nicht umsonst etwas ganz und gar unfälliges an. Danny (alias George Clooney) und Rusty (alias Brad Pitt) aus Oceans 11-13 unterscheiden sich nicht umsonst in der Extrovertiertheit ihrer Outfits. Interessant ist, dass dieses Sehen auf die Welt erweitert wird. Gleichberechtigt neben den Kostümen wird im ersten Saal der Ausstellung ein Video gezeigt, in dem die Besucher_innen des V&A ihren Kleidungsstil erklären dürfen. Die Botschaft ist klar: Kleidung ist ein entscheidender Teil der Rolle, ob im Film oder im Leben. Das Lesen der Kleidung ist eine Basiskompetenz des modernen Städter und Hollywoodfilmkonsumenten.

Eine Museumsausstellung kann und sollte genau da ansetzen. Sie präsentiert Objekte, schlägt Lesarten vor, überlässt unterdessen aber den Besucher_innen, welche Geschichte jedes einzelne Sammlungsding für sie zu erzählen haben mag. Die durch die Ausstellung vorgeschlagene untrennbare Doppelverweisung aus Charakter und Kostüm, entspricht auf der Seite der Museumstheorie die stetige Verweisung zwischen präsentiertem Ding und Bedeutung. Für einige Ausstellungstheoretiker könnte die Ausstellung folglich als Prototyp gelten. Ja, es scheint gar, das hier sprechende Objekte und lesende Besucher_innen zusammenkommen könnten. Das ermöglicht ausstellungsgestalterisch die Konzentration auf das Wesentliche. Die Museumsobjekte, die die Ausstellung zu bieten hat, sind nahezu ausschließlich Kostüme. Der Rest ist Text, Bildschirme, Beamer, Nylonfäden, Modellpuppen in zurückhaltendem Schwarz. Alle weiteren Filmutensilien, Drehbücher, Notizbücher der Kostümdesigner, Setfotos oder die Filme selber kommen nur als digitale Reproduktionen daher. Das Zusammenspiel zwischen Information und Objekt, Text und Präsenz, Digital und Analog funktioniert  dabei außerordentlich gut. Wenig aufdringlich kommen die doch vielfältigen Projektionen daher. Die Ausstellung erstreckt sich auf 3 größere abgedunkelten Räume, in denen die Spots auf den ausgestellten Kostümen neben den unzähligen Beamern und Bildschirmen die einzigen Lichtquellen bieten und die als 3 Szenen bezeichnet werden. Neben der Verbindung zwischen Filmcharakter und Kostüm geht es in weiteren Räumen um die Zusammenarbeit von Regisseur und Designer, um Remakes, um Motion Capturing, historische Referenzen, um die Rollen- und Kostümvielfalt von Robert de Niro und Meryl Streep. Der letzte Raum will so etwas wie ein Pantheon Hollywoods sein, ach gar ein Götterhimmel unserer modernen Mythologie überhaupt.  So argumentiert zumindest der Text.

Und an dieser Stelle offenbart diese gestalterisch und museumstheoretisch äußerst gutgemachte Show, was sie inhaltlich vermissen lässt: jegliche kritische Haltung gegenüber Hollywood und der damit verbundenen Filmästhetik. Wir lernen bereits am Beginn der Ausstellung, dass Filme über Menschen seien und gute Filme ebenjene, in denen sich die Zuschauer_innen in die dort präsentierten Menschen verlieben können. Die Rolle der Kostumdesigner sei schließlich “the realisation of authentic people in the story”. Hier wird die Ausstellung zum Handlanger einer derart trivialisierten Vorstellung von Kino und Film, dass es mich fast ein bisschen skeptisch macht, ob das Ernst gemeint sein kann. Kino als Abbild authentischer Menschen? Der Kostümdesigner als Handlanger einer sogenannten “realistischen” Erzählweise. Dass das Kostüm auch andere Rollen erfüllen könnte, nämlich Authentizität zu leugnen, die Verbindung Charakter und Leinwandrepräsentation zu brechen, zeigen vermutlich vor allem die Independent-Produktionen aus aller Welt. Aber auch einige in der Ausstellung vorhandene Beispiele aus Hollywood lassen da anderes vermuten. War es jemals das Ziel Charlie Chaplins mit seinem Tramp eine authentische Person darzustellen? Aber gut, schließlich heißt die Schau nicht umsonst Hollywood-Costume und ist von einer gut bezahlten Kostümdesignerin mit Doktortitel aus Hollywood, Deborah Nadoolman Landis, kuratiert wurden. Dass diese aber in ihrer Einführung zum Katalog schreibt, dass “the purpose of costuming has remained the same over the past century”, kann ich als angehender Historiker dann doch nur als Ideologie brandmarken. Ich glaube sehr wohl, dass Kostümieren heute ganz andere Ziele als noch vor 100 Jahren hat, auch in Hollywood.

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