“Hard Times” an der 97 Orchard Street. The Lower East Side Tenement Museum in New York

Gäbe es das Tenement-Museum in New York nicht, müsste man es erfinden. Wären die Wohnungen des Hauses an der 97 Orchard Street nicht zufälligerweise 50 Jahre unberührt geblieben und nun musealisiert, müsste man sich sofort auf die Suche nach einem vergleichbaren Haus machen. Warum das so ist? Ein Mietshaus in der Lower East Side erscheint mir ein idealer Ort, um einigen häufig vernachlässigten historischen Erfahrungen nachzugehen. Das 1863 gebaute Haus, das 1988 zum Tenement Museum wurde, eignet sich hervorragend, um das Recht der sogenannten kleinen Leute in Geschichte und Gegenwart einzufordern. Gerade in einer Zeit, in der wohl keine Wohnung in einem ehemaligen Tenement in vergleichbarer Lage unter 2500$ pro Monat zu haben ist, ist die Erinnerung an jene Zeit, in der die Lower East Side ein heruntergekommenes Arbeiterinnen- und Immigrantenviertel war, gewissermaßen eine Notwendigkeit. Schließlich lässt sich doch vor allem an den einfachen Wohnräumen die Geschichte derer nachvollziehen, deren Geschichten sonst fehlen. Nicht aus einer Perspektive der Draufsicht, in der Statistiken davon künden, wo die Arbeiter und Migrantinnen in der Sozialstruktur standen, sondern einer Perspektive der Teilnahme an ihren Leben. Das Mietshaus wird zu einem Ort, der die alltäglichen Überlebensstrategien greifbar nahebringt.

Fasade des Hauses an der Orchard Street. Foto: Keiko Niwa

Fasade des Hauses an der Orchard Street. Foto: Keiko Niwa

Und trotz der uneingeschränkten Notwendigkeit eines Tenement-Museums – gerade für dieses extrem dynamische New York – erscheint es doch eine denkbar schwierige Aufgabe, aus einem geschützten Haus ein Museum zu machen, das dann auch historische Aufklärung leistet. Schließlich läuft ein Hausmuseum der Arbeiterschichten (wie fast alle Museen der Alltagskultur) stets auch Gefahr, einer banalen Reliktbegier anheimzufallen und eine mehr nostalgisch als emanzipativ intendierte Suche nach Heimatswelten zu betreiben. Wann vermittelt die Konservendose etwas von der Handlungsmacht und -ohnmacht der Einzelnen und wann wird der Wurststopfapparat bloß zu einem folkloristischen Mentalhistorismus hochstilisiert?

Genau in dieser Ambivalenz aus emanzipativer Aufklärung und Heimatkitsch bewegt sich auch die Führung, mit der ich letzten Donnerstag das Tenement Museum zum ersten Mal besuche. Da wird im Eingangsbereich der dunkle Hauseingang mit der Imitation reicherer Häuser und der enormen Brandgefahr in den Tenements in Verbindung gebracht. Denn die Wände im Hausflur waren mit einem Lederimitat bezogen, schließlich war Leder die Oberfläche der Wahl in vielen höherklassigen Gegenden. Blöd nur, dass Lederimitat auch aus Leinöl bestand und dass Leinöl wiederum brennt wie Zunder. Und so lässt sich in dem Versuch der Nachahmung, dem Versuch, beim Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums mitzuhalten, eine fast selbstzerstörerische Strategie erkennen. Die tragische Ohnmacht der ‘kleinen Leute’ wird fassbar. Nur eine Etage höher in den reinszenierten Apartments der deutsch-jüdischen Frau Gumpertz und ihrer Kinder und der italienischen Familie Baldizzi macht sich dann aber leider jener romantische Neohistorismus breit, der so vielen Alltagsmuseen eignet. Da liegen die Nähutensilien, die – so will uns die Inszenierung vermitteln – Frau Gumpertz hätte benutzen können, fein säuberlich aufgereiht, als sollten sie das Schachbrettmuster der Strassen Manhattans nachahmen. Da diskutiert unsere Guide über die Hitze eines Bügeleisen des 19. Jahrhunderts. Da wird erst die erschreckend nichtssagende Holzschale für Frischkäse rumgereicht und dann die Familienbilder der Baldizzis bis in die Jetztzeit bestaunt. Überhaupt wird von den Gumpertz und Baldizzis gesprochen, als würden wir sie kennen.

Hausflur. Foto: Keiko Niwa

Hausflur. Foto: Keiko Niwa

„Hard Times“ heißt die Führung. Bei mir bleiben zwei Hauptbotschaften hängen: Das Leben im Tenement in dieser Lower East Side war wohl ziemlich hart (wenngleich dies etwa der Gumpertz-Wohnung mit ihren Flohmarktmöbeln und der Mustertapete, die vielmehr nur leicht abgeranzten Hipster-Chick versprühen, nicht auf Anhieb anzusehen ist). Im Umkehrschluss heisst das aber unweigerlich auch: puh, ‚uns’ geht es heute besser. Den Eindruck vermitteln zumindest die erwähnten Familienfotos, die Frau Baldizzi zur Verfügung gestellt hat: ehemals noch illegale Einwanderin, scheinen ihre Kinder bereits in der amerikanischen Mittelschicht angekommen. Der Enkel hat es gar zum Polizisten gebracht. Diese Erzählung von der Integration und vom familiären Aufstieg scheint aber paradoxerweise stets verbunden mit der zumindest impliziten Erkenntnis, das eben doch vieles so bleibt, wie es war. Beim Blick auf das, was bleibt, kommen die üblichen Konstanzen ins Spiel: es ist vor allem und zunächst die (zwar eingewanderte aber doch ganz amerikanische) Familie. Schließlich besuchen wir in der Führung auch nicht die Wohnung 2L und 2R, sondern die Familien Gumpertz und Baldizzi, auch wenn es sich weder um deren originales Mobiliar handelt, noch klar wird, wer eigentlich sonst noch in ebendiesen Wohnungen ein und aus ging.

Reinszenierte Küche in der Wohnung der Baldizzis. Foto: Keiko Niwa

Reinszenierte Küche in der Wohnung der Baldizzis. Foto: Keiko Niwa

Das Motto des Tenement Museums ist: Telling America’s Story. Mir hätte es besser gefallen, wenn weniger die eine (wie auch immer geartete) amerikanische Integrationsgeschichte erzählt würde als vielmehr die konkreten, vielfältigen Geschichten von Tapeten, Mieten, Einwanderungen, Menschen in Mietshäusern und dem Wandel der Lower East Side.

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