Hans-Peter Feldmann. Die Büste der Nofretete in der Neuen Nationalgalerie.

Sie schielt. Das heißt auch: Im Gegensatz zu ihrem über 3000 Jahre alten Vorbild hat sie beide Augen. Stellt sich die Frage, was der 71 jährige Düsseldorfer Künstler Hans-Peter Feldmann seiner Interpretation der Nofretete-Büste, die gerade in der Neuen Nationalgalerie gezeigt wird, noch so hinzufügt. Ein kleiner schwarzer Punkt auf ihrer Wange, auch Schönheitsfleck genannt, spielt mit dem Schönheitsideal, für das die Büste noch heute so oft herhalten muss, das aber auch schon in ihrem Namen anzitiert wird (Neferet-iti = die Schöne ist gekommen). Ansonsten ist sie deutlich farbiger, fast ins Neon gehend, wobei das Band um ihre Helmkrone hier nur einfarbig golden statt bunt ausgearbeitet ist. Damit setzt Feldmann ihrer verblaßten Vorlage eine Pop-Art-Ikone an die Seite, die sich als ironischer Kommentar auf ästhetische Kunstbegriffe und auf Schönheitsvorstellungen unseres durch make-up-retuschierten Alltags lesen lässt.

Feldmann_Nofretete

Ansonsten sind kaum Unterschiede zu erkennen. Das abgebissene (Mike-Tyson-Gedächtnis)-Ohr und die zahlreichen Blessuren sind zum großen Teil übernommen. Die eigentlich relevante Frage scheint zu sein: was fehlt? Die ist deutlich schwieriger zu beantworten und berührt die Objekt- und Museumstheorie. Als einziges Ausstellungsstück in der überirdischen Etage des formalistischen Mies van der Rohe-Bau könnte die Inszenierung unter einer übergroßen Vollglasvitrine und auf edlem Holzsockel kaum deutlicher den Anspruch des Kunstwerks unterstreichen, ein auratisches Original zu sein ganz wie das Vorbild im Neuen Museum. Dennoch scheint die oft zitierte Benjaminsche Definition der Aura “als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag” nicht so ganz auf Feldmanns Büste zu passen. Ein Auftragswerk für die Nationalgalerie und damit Museumskunst im reinsten Sinne, reicht die Ferne, die einem ob ihrer – wenn auch durch Glas abgeschirmte – Nähe erscheinen könnte, höchstens bis in das Feldmannsche Atelier, in dem sie hergestellt wurde. Das Vorbild kann angesichts ihrer längeren Biographie unter und über der Erde wohl einiges mehr an Ferne aufbieten.

Nefertiti_Bust_(front)

Woran liegt es dann aber, dass diese Nofretete auf mich nicht weniger auratisch als ihr massenumringtes Modell wirkt? Mir gab vielleicht das dicke Glanzpapier, auf dem der kuratorische Erläuterungstext zur Präsentation abgedruckt war, schon das Gefühl, dass hier einiges an Aura in der Luft liegt.

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