Glücksfälle – Störfälle. Facetten interkultureller Kommunikation. Sonderausstellung im Museum für Kommunikation Berlin

Kommunikation, Kultur, Museum. Oder was passiert wenn Kulturwissenschaftler_innen Ausstellungen machen?

Interkulturelle Kommunikation scheint vor allem für zwei Gruppen dieser Welt interessant. Für Kulturwissenschaftler_innen und für Wirtschaftende. Für Händler, wie man vor einiger Zeit noch gesagt hätte, gehört der Kontakt mit dem nicht näher definierten Fremden seit jeher zum Berufsbild. Kulturwissenschaftler sprechen seit den 70er Jahren von Interkultureller Kommunikation und geben damit einer sich vor allem ab dieser Zeit selten dynamisch globalisierenden Wirtschaft ein Begriff an die Hand, mit der die alltäglichen Fallstricke der Vertragsaushandlungen beschrieben werden können. Die Wirtschaft nimmt die kulturwissenschaftliche Beschäftigung dankbar auf und versucht die Erkenntnisse in ihr Handeln aufzunehmen. Es entstehen betriebswirtschaftliche Curricula, in denen der Pragmatismus der Engländer oder die Aversion der Japaner vor runden Ecken beschrieben werden.

Auch in der Ausstellung kommen diese didaktischen Schmuckstücke vor. Dort werden in bester 80er Jahre Schulungsfilmmanier, die der Durchschnittsmensch gewöhnlich aus der Fahrschule kennt, Situationen interkultureller Kommunikation imaginiert. Da ist von deutsch-tschechischen Joint-Ventures die Rede oder es wird sich ausgemalt, was der deutsche Unternehmer Hans von seinem griechischen Geschäftspartner Kalos denkt. Man lernt dann, dass sich Hans  den Griechen wie eine Mischung aus Sokrates und einer griechischen Statue vorstellt, außer er hat schon einmal in Griechenland Urlaub gemacht, denn dann weiß er, dass Griechen fröhlich, kommunikativ, konservativ und nicht sehr verlässlich seien. Kurz gesagt: diese Videos strotzen vor latent oder offen rassistischen Kulturessentialismen.

Aber auch die Kulturwissenschaftler_innen haben Lehrmittel produziert, um ihre Idee von Kultur vermitteln zu können. In der Ausstellung findet sich zum Beispiel ein Modell, das Studierende der Viadrina in Frankfurt/Oder entworfen haben und das sogenannte Zwiebelmodell von Kultur vorstellt. Eine eingeschnittene Gipskugel wurde dafür mit Packpapier verpackt und vom Kern ausgehend mit den Begriffen Werte, Rituale, Helden, Symbole beschriftet. Nur ein Balken mit der Aufschrift “Praktiken” reicht vom Kern bis zur Oberfläche, auf der Miniaturgegenstände aufgeklebt sind: eine Diskokugel, ein Trabant, ein DDR-Ampelmännchen, ein siebenarmiger Leuchter etc. Auch dieses Stück birgt eine gewisse Komik und verdeutlicht auf Anhieb das große Problem, was das Konzept “Interkulturelle Kommunikation” besitzt. Das Konzept ist schon etwas angestaubt. Es ist längst Lehrbuchthema geworden, findet in der wissenschaftlichen Community aber mittlerweile immer weniger Anhänger, da doch die Rede von dem dazwischen und dem Übersetzen von Kulturen, die Kulturen selbst stets mitkonstruiert, ja im sogearteten feststellen liegt immer auch ein festsetzen. Das Aufdecken kultureller Unterschiede setzt voraus, dass man Kulturen relativ statisch als “so und so” beschreibt, weswegen im interkulturellen Austausch diese und jene Fallstricke zu beachten seien. In der wissenschaftlichen Diskussion sind alternative Konzepte von transkultureller Kommunikation, die vielmehr die durchlässigen Grenzen und vielgestaltigen Kontakte unterschiedlicher kultureller Hintergründe betont. Steht die Frage, ob diese Sicht nicht impliziert, dass es gar keine voneinander abgrenzbaren Kulturräume gibt. Und was wäre so schlimm daran, wenn das nicht mit einem Leugnen vorhandener Unterschiede einhergeht.

Die Ausstellungstexte erwähnen diese Debatten mit einem Nebensatz. Die Ausstellungsstücke bieten hingegen Musterbeispiele der Diskussionen. Beispielsweise Barbies aus verschiedenen Weltregionen bis hin zu Fulla, einer barbieähnlichen Puppe, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten hergestellt wird und teilweise mit Kopftuch angeboten wird. Ein Kunstprojekt macht da schon stutziger, wie viel Ethnozentrismus die Brille von der Interkulturellen Kommunikation verdeckt. Da wird ein senegalesischer Bildhauer beauftragt, eine Büste der europäischen Künstlerin zu erstellen, um diese dann vier weitere Male im Stile der stillen Post kopieren zu lassen. Am Ende wird aus der europäische “Vorlage”, ein “afrikanisches” Werk, so die Ausstellung.

Bei vielen Exponaten ist der Zusammenhang zum Oberthema weniger schnell zu schlagen. Ein Modell eines japanischen Postläufers aus dem 19. Jahrhundert findet sich dann neben einem Text zu “Geh-zeiten” in unterschiedlichen Kulturen wieder. Wobei sich da überhaupt die Frage stellt, was das dann mit interkultureller Kommunikation zu tun hat. Es scheint häufig vielmehr mit nationalen, regionalen und kontinentalen Unterschieden zu tun zu haben. Leider wird diese Unterscheidung in der Ausstellung nicht so ernst genommen. An anderer Stelle erschließt sich mir aber auch der Zusammenhang zu diesem weiter gefassten Thema nicht, zum Beispiel in der Vitrine zur Kulturrevolution in China. Da wirkt es fast so, als hätte man noch auf die Schnelle was für die letzten Vitrinen finden müssen und hätte dann die ersten Google-Ergebnisse zum Suchbegriff Kultur dankbar aufgenommen.

Andernfalls kann ich mir kaum erklären, wie es einige DDR-Hefte “Kultur im Heim” in die Ausstellung geschafft haben. Das weist im Übrigen auf ein anderes Problem hin, was ich mit der Ausstellung hatte. Der Kulturbegriff. Der Text zum Begriff stellt vor allem fest, was für ein schwieriger Begriff das ist, womit ich ja vollkommen d’accord gehe, um dann jedoch festzustellen, dass man eigentlich nur sagen könne, was nicht Natur sei, ist Kultur. Die kulturfreie Natur oder auch naturfreie Kultur ist mir allerdings noch nicht begegnet. Derweil scheint mir der Kulturbegriff viel mehr Sinn zu machen, wenn man ihn als Vergleichsbegriff versteht. Kultur meint, an anderen Orten, zu anderen Zeiten ist es anders. Es macht nur Sinn von deutscher Toilettenkultur zu sprechen, wenn es auch eine französische gibt, die anders ist.

Ein derartiges Ausufern der Thematik ist aber, so scheint es, von Anfang an gewollt. So führt der Prolog mithilfe von Postkarten von Unesco-Welterbestätten, Cafétischen mit stilisierten Speisekarten auf denen verschiedene Konsumdaten der Welt verzeichnet sind, einem sizilianischen Eselskarren und einem Film über einen Sizilianer auf Malta, der an den Sprachdifferenzen fast verzweifelt, in die Thematik ein. Es soll in der Ausstellung, so der Einführungstext, um nichts geringeres gehen, als die Frage: “Was ist Kommunikation?”.

Die Szenographie (von Holzer und Kobler, die für einige Themenmuseenausstellungen hierzulande und in der Schweiz verantwortlich zeichnen) orientiert sich meiner Empfindung nach aber weniger am Kommunikationsbegriff, als vielmehr am Kulturbegriff. Die Texte sind auf Plasterohrsysteme gespannt. Der Titel der Ausstellung wird gar aus diesen Rohren gebildet. Meine Assoziation dazu ist Kanalisation und erinnert mich an Slavoj Zizeks Zeitdiagnose, dass wir uns zu wenig mit unserem Müll in der Gesellschaft auseinandersetzen. Im weiteren Verlauf finden wir uns in einem Expeditionszelt wieder, in denen grüne Vitrinen Platz finden. Objekte in diesem Bereich kommen vor allem aus dem ethnologischen Kontext. Für das Kommunikationsmuseum kommt das ganz gelegen, da es bereits seit seinen Kindertagen als Reichspostmuseum eine veritable ethnologische Sammlung zum Thema Post besitzt – auch wenn für die Ausstellung im Allgemeinen ein reger Leihverkehr angestrengt wurde. Dass viele Exponate in der Ausstellung also letztlich Darstellungen oder Imaginationen von Briefträgern aller Herren Länder sind, kann daher nicht überraschen. Leider wird damit aber wenig offensiv umgegangen und in den Ausstellungstexten dieses Bildsujet eher verschwiegen. Im großen Ausstellungsraum schließlich sind die auf die Wände aufgemalten Nationalflaggen sehr dominant. Weiße Podeste bilden dagegen eine Landschaft in der man sich ganz unlinear zwischen Objekten, audiovisuellen Angeboten und Kunstwerken hin- und herbewegen kann.

Insgesamt hab ich das Gefühl, dass die Ausstellung viel meint, sie viel Konzept hat und die eigene kulturwissenschaftliche Reflektiertheit ausstellen möchte. Nun steckt ein gewisser Reiz darin, dem mit einem bestimmten Objekt innerhalb der Konzeption potentiell Gemeinten nachzugehen, oder anders gesagt, den kuratorischen Blick zu dechiffrieren. Letztlich scheint mir aber ein bisschen zu viel gemeint und vor allem gewollt gewesen zu sein.

…Museumswebsite…

 

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