Das Naturkundemuseum des Joanneums in Graz. Neu eröffnet im März 2013.

Heuschrecken in Serie hinter Glas bei aseptischer Beleuchtung auf weißem Hintergrund. Das Gleiche mit Schmetterlingen, Grazer Stadtrandgrünpflanzen, mit Samen der verschiedensten Schneckenklees und Schneckengehäusen. Anders gesagt: das Naturkundemuseum erinnert mich an Damien Hirst und damit an einen der bekanntesten Gegenwartskünstler dieser Tage. Nun kann man einschränken, dass das mehr über Damien Hirst sagt, als über das Naturkundemuseum des Grazer Universalmuseums Joanneum. Hirst begann in den 1990ern Haie in Formaldehyd einzulegen und aufgespießte Schmetterlinge in farblichen Serien hinter Vitrinen zu präsentieren. Damit spielte er mit den Traditionen des Musealen und dem naturgeschichtlichen Systematisierungszwang, destillierte daraus aber eine Ästhetik, die weitaus gefälliger, dem Warenhaus näher ist, die den Überfluss inszeniert und gerade darin der Pop-Art näher ist als dem naturkundlichen Ausstellen.

Raum 11. Wüstenheuschrecken. Foto: UMJ, N. Lackner

Raum 11. Wüstenheuschrecken. Foto: UMJ, N. Lackner

Was sagt aber diese Ähnlichkeit wiederum über ein sehr altes Naturkundemuseum – immerhin zurückgehend auf das “innerösterreischische Nationalmuseum” von 1811 – das soeben seine Sammlungen in sanierten Räumlichkeiten neu präsentiert? Zunächst mal, dass die Grazer sich ausstellungsgestalterisch an den neuesten Moden orientieren, was wiederum kein Wunder ist, da mit Dieter Bogner ein renommierter Ausstellungsmacher und mit hg merz architekten ein Big Player in der Gestaltung ins Boot geholt wurden. Ob das Naturkundemuseum in Berlin, Paris oder London. Alle entdecken gegenwärtig die Serie wieder und üben sich in einer objektzentrierten Ästhetik, in der die Exponate freigestellt und ohne ihr ökologisches Umfeld erscheinen. Die Zeit der Dioramen scheint vorbei und die Aufwertung der naturkundlichen Objekten zu Kunstwerken ist Common Sense geworden. Ein Vorwurf an solche Ästhetiken liegt nahe und wird auch meist postwendend ins Feld geführt. Naturkundliche Exponate sind keine Waren und keine für die kontemplative Betrachtung geschaffenen Kunstwerke, sondern Forschungs- und Illustrationsobjekte. Ein Naturkundemuseum ist zum Vermitteln von Wissen da, nicht für die bloße Ästhetik. Dieses Vorwurfes ist man sich in Graz natürlich bewusst und tut dementsprechend einiges dem zu entgegnen.

Ausstellungsansicht Raum 1. Foto: UMJ, N. Lackner

Ausstellungsansicht Raum 1. Foto: UMJ, N. Lackner

Zunächst mal sind die Exponate hier im Gegensatz zu Hirsts Kabinetten oder zum Nasspräparateturm im Berliner Naturkundemuseum alle beschriftet – auch wenn das fast ein wenig lächerlich ist, wenn die Herbarien teilweise unter der 4m hohen Decke Platz finden und an Lesbarkeit folglich nicht zu denken ist. Ansonsten bemüht sich die Ausstellung um allerlei mediale Vermittlung, auch wenn die nicht gerade den allerneuesten Entwicklungen im Museumswesen entspricht. Hier darf man auf touchscreens mit Tierlauten spielen (An dem Sonntag, an dem ich das Museum besuche, kommt es jedenfalls gut an). Außerdem wird die hirst-sche Ästhetik immer wieder aufgebrochen und so in der Präsentation einige Diversität erzeugt, auch wenn die grundlegende Haltung dem Objekt gegenüber jeweils erhalten bleibt.

Mineraliensammlung. Foto: UMJ, N. Lackner

Mineraliensammlung. Foto: UMJ, N. Lackner

So wird die Mineraliensammlung im Originalmobiliar präsentiert, die Biodiversität wird anhand eines Höhenmodells mit präparierten Tieren verdeutlicht und der präparierte winzige Maiswurzelbohrer findet ganz alleine in einer riesigen Vitrine Platz. An einzelnen Stellen findet auch moderne Kunst als Kontrast zu den Objekten den Weg in die Ausstellung. Der Wechsel der Gestaltungen macht neugierig auf die Texte und das Vermittlungsziel, das auch bei hoch ästhetisierten Räumen immer klar zu erkennen ist. Letztlich macht diese Ausstellung sehr vieles richtig. Das Einzige, was mich wirklich stört, ist, dass die Basiserzählung des Museums doch eine altbekannte Leier ist: Die Natur gibt dem Menschen alles, was er braucht. Der Mensch hingegen macht die Natur kaputt. Aber zum Glück sieht der Naturkundler das Verhängnis. Inwieweit aber der Mensch stets die Natur erst als solche hervorbringt (und das nicht nur mit Züchtung) und die Natur ihn (nicht nur als Homo Sapiens der Evolution), wird kaum thematisiert. Wie die Wissenschaft mit Begriffen, mit Forschung, Grabungen, Systematiken Natur erschafft und wie Tiere, Bakterien, Pflanzen den Menschen formen und verändern, kommt nicht vor. Und das finde ich mehr als nur schade.

Raum "Skelette in Bewegung". Foto: UMJ, N. Lackner

Raum “Skelette in Bewegung”. Foto: UMJ, N. Lackner

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