Concrete. Fotografie und Architektur – Jubiläumsausstellung des Fotomuseums Winterthur.

Das Seagram-Building ist eines der Wahrzeichen der architektonischen Moderne, verschwimmt hier aber in Unschärfe. Die geometrische Strenge, die der Architekt Mies van der Rohe bis auf die Jalousien, die nur in drei Positionen zu bringen sind (offen, halb geschlossen und geschlossen), ausgeweitet hat, geht so verloren. Das Emblematische wird hingegen verstärkt. Das Bild von Hiroshi Sugimoto, der schon Einzelausstellungen in Berlin, Luzern oder Düsseldorf hatte, gehört zu einer Serie mit dem Titel “Architecture”. Und es sagt einiges über die Zeichenfunktion von Architektur.

Hiroshi Sugimoto. Seagram Building, New York City, 1997. Silbergelatine-Abzug, 58,4 x 47 cm. Canadian Centre for Architecture, Montreal. © Hiroshi Sugimoto/Courtesy of Gallery Koyanagi Tokyo

Hiroshi Sugimoto. Seagram Building, New York City, 1997. Silbergelatine-Abzug, 58,4 x 47 cm. Canadian Centre for Architecture, Montreal. © Hiroshi Sugimoto/Courtesy of Gallery Koyanagi Tokyo.

Auch die Fotos von Iwan Baan, einem der wichtigsten Architekturfotografen der Gegenwart, aus Le Corbusiers Planstadt Chandigarh in Indien, entstammen einer hunderte Fotos umfassenden Serie und geben einen ungewohnten Blick auf diese Ikone der Moderne – auch wenn die Bilder gänzlich anderen Charakters sind als die Sugimotos. Sie zeigen die Aneignung der Betonmassen durch die Menschen, die ebenda leben. Gerade dadurch fällt allererst auf, was normalerweise bei Architekturfotos fehlt.

Nur das kein falscher Eindruck entsteht. Es geht in der Schau nicht um Architekturikonen und Starchitekten. Die Fotografie und ihre Stars stehen vielmehr im Vordergrund. Wie lichtet ein Foto Architektur ab? Eigentlich ist das noch zu eng gefasst, denn die Bilder sind nicht mal eindeutig mit Architektur verknüpft, meist geht es in einem weiteren Sinn um Orte, um Räumlichkeiten und geplanten oder ungeplanten baulichen Eingriff in ebendiese Räume. Das deutet schon die eigentliche Schwierigkeit der Schau an, die wenn schon nicht immer die großen Architekt_innennamen, so doch auf jeden Fall das Who’s Who der Fotograf_innenschar versammelt. Wie das so diverse und vielfältige Verhältnis zwischen einem sehr breit angelegtem Architekturbegriff als bebaute Orte und Fotografie ordnen? Anders gesagt: Wie hat Thomas Seelig die Ausstellung unter dem Titel “Concrete” kuratiert? Von einem “eigentümlichen, vielfältigen Verhältnis von Architektur und Fotografie” ist im Ausstellungstext die Rede und davon, dass sich die Ausstellung diesem breiten Thema “auf verspielte, erzählerische und dialektische Weise annähern” möchte. Das klingt nicht sonderlich spezifisch, aber umso höher gegriffen.

In der Ausstellung sind die Fotografien zunächst nach Themen und nach Städten geordnet. Themen sind zum Beispiel “Aufbau – Verfall – Zerstörung” oder “Macht – Abgrenzung – Sicherheit”. Die Städte umfassen New York, Venedig, Berlin, Paris, Kalkutta, Zürich und natürlich Winterthur. In Bezug auf diese werden vor allem Klischees gewälzt. Im Berlin-Raum geht es um die Kriegszerstörungen und die Mauer. Bei Paris werden Schaufenster gezeigt und ein Benjamin-Zitat über den Flaneur ist auf die Wand affichiert. New York muss für das Vertikale und seine Schattenwürfe herhalten. Wolfgang Scheppe darf auf wunderbar ironische Weise die Fassadenhaftigkeit Venedigs ins Bild setzen. Winterthur wird durch eine Fotoserie über das Alltägliche mehr dokumentiert als inszeniert, auch wenn auf der gegenüberliegenden Seite Sulzer-Areal und Villa Eichgut nicht fehlen dürfen.

Guido Guidi. Looking Southeast. Aus Carlo Scarpa's Tomba Brion, 1997. C-Print, 19,5 x 24,6 cm. Courtesy der Künstler. © Guido Guidi

Guido Guidi. Looking Southeast. Aus Carlo Scarpa’s Tomba Brion, 1997. C-Print, 19,5 x 24,6 cm. Courtesy der Künstler. © Guido Guidi

Die Themenräume sind für mich weniger eindeutig einzuordnen, was aber auch daran liegen kann, dass ich, als ich die erreiche, schon etwas ermüdet bin, ob der Bilderflut (über 400) in dieser sehr großen Leistungs/Jubiläumsschau des “schweizerischen Mekka der Fotografie” (winterthur-torismus.ch). Auf jeden Fall liegt es aber daran, dass es bis auf den einleitenden Ausstellungstext, keine Raum- oder Objekttexte, noch sonstige Vermittlungshilfen gibt – mal von den wenigen Zitaten einschlägiger Großdenker von Zizek bis Hardt/Negri, die mehr transzendieren als erklären, und natürlich dem ästhetisch sehr schönen, aber eben für die Ausstellung doch eher unhandlichen Katalog abgesehen. Das Infomaterial gibt Auskunft zur Auskunftslosigkeit der Ausstellung: “Stattdessen wird mit markanten Setzungen, Gegenüberstellungen und thematischen Feldern gearbeitet, die Konkretes, Grundsätzliches und Historisches miteinander verbinden.”

Die markanten Setzungen bestehen beispielsweise darin, dass Max Baurs Bilder der Neuen Reichskanzlei von Albert Speer, neben einem Foto von Mussolini in seinem monumentalen Arbeitszimmer von Felix H. Man und einem Film Still aus Kubricks Dr. Strangelove aneinandergereiht werden. In einem anderen ähnlich assoziativen Beispiel wird mit Hängung und Perspektive eine Analogie zwischen der Maschinenfabrik Oerlikon (Wolfegger) und einer Gefängnismauer im schwedischen Österåker (Petersen) hergestellt. Die These von der Disziplinargesellschaft kann man so kuratieren, sie nochmal in einem Text auszusprechen, hätte dennoch nicht geschadet. Meine Assoziationen, von denen ich in der Ausstellung einige habe, bleiben Stückwerk. Und um nochmal auf den einleitenden Ausstellungstext zurückzukommen, wenn hier Architektur als “Schauplatz von Zeitgeist, Weltanschauung, Alltag und Ästhetik”, als “in Beton gegossene Wucht und Macht”, als “Materialisierung von privaten und öffentlichen Visionen, Gebrauchskunst und Avantgarde zugleich” und als “Stein gewordene Ideologie” thematisiert wird, dann liegt das vielleicht ja daran, dass auch die Ausstellung zumeist sehr sehenswertes Stückwerk bleibt.

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