Category Archives: Ausstellungen

Sonderausstellungen rezensiert

“Alltag in der DDR”. Das neue Museum der Stiftung Haus der Geschichte in der Kulturbrauerei in Berlin

Inhalt: Der Alltag in der DDR bestand aus Konsum und Arbeit und für manche aus Widerstand. Museologie: Mischung aus Schulbuch, Stubenprinzip und ästhetisierender Objektauswahl. Wobei die Objekte nicht als Ästhetische, sondern als Zeugnisse/Illustrationen für die Schulbuchthesen behandelt werden. Gestaltung: Viel zu voll.

“Im Reich der Falten” im Museum Bellerive Zürich

Der Faltenwurf ist vielleicht der kunsthistorische Fetisch schlechthin. Die Schatten, Perspektiven und Farbverläufe von gemalten Falten können einer fast religiösen Verehrung zu Teil werden. Im Umkehrschluss gilt dann auch: Wer über Faltenwürfe in einem Barockgemälde sprechen kann, der hat Ahnung. Auch in der dreidimensionalen Mode ist die Falte etwas für Kenner_innen. Diejenige, die weiß, wo die Bügelfalte hingehört, hat Geschmack. Den Geschmack, der den feinen Unterschied zur modischen Masse ausmacht. Nachdem aber die Bügelfalte spätestens mit dem Siegeszug der Bundfaltenhose in den 1970er Jahren kein geeignetes Mittel zur Distinktion mehr [...]

“1813 – Auf dem Schlachtfeld bei Leipzig” im Deutschen Historischen Museum Berlin

Die Karabiner sind auf mich gerichtet. Zwanzig an der Zahl – auf einem Metallgestell, das auch aus einer Waffenkammer stammen könnte. Der Spiegel im Hintergrund soll mich vermutlich daran erinnern, dass ich sowohl hinter als auch vor den Waffen stehen könnte. Im Boden ist eine Vitrine eingelassen, in der auf grauem Sand zwei Geschützkugeln liegen. Soll vielleicht heißen: Ich könnte auch schon tot sein. Hinter mir steht eine Kanone und zwei fahrzeuglose Räder liegen davor. Vervollständigt wird das Ensemble von einem Pferdeskelett mit danebenliegender Kanonenkugel – wiederum auf diesem grauen grobkörnigen Ziersand. Heißt [...]

3 Kontinente – 7 Länder. Werke von Erich Mendelsohn im Kulturforum Berlin

Welche Rolle spielen die Orte und Stationen eines Lebens im Werk eines Architekten? Welche Rolle spielen die Kontakte zu anderen Menschen in dessen Werk? Welche Rolle spielen einschneidende biographische Erfahrungen, welche Rolle die Religion, die Herkunft, die Familie in den Bauten? All dies sind Fragen, die eine biographisch ausgerichtete Ausstellung über einen Künstlerarchitekten beantworten oder zumindest stellen könnte. All dies tut die Ausstellung zum künstlerischen Nachlass des Architekten Erich Mendelsohn (1887-1953), die die Kunstbibliothek gegenwärtig im Kulturforum zeigt, nicht. Erich Mendelsohn begann schon in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs mit Skizzen [...]

Verbrechen lohnt sich: Der Kriminalfilm im Museum für Gestaltung Zürich

Ist es die Waffe oder die Hand, die beim Kriminalfilmplakat nicht fehlen darf? Zumeist ist beides zu sehen. Häufig auch in Kombination mit angewinkeltem Arm, langem beigen Mantel und Fedora-Hut. Manches mal ist aber auch nur das Messer zu sehen, wie bei Robbery, oder nur die Hand, die nach einem greift, oder die Hände sind versteckt in den Taschen, wie bei Taxi Driver, oder sie halten eine Zigarette, wie Jack Nicholson in China Town. Bei Hitchcocks Dial M for Murder reckt einem das potentielle Opfer auf dem Plakat die Hand [...]

“Was Jetzt? Aufstand der Dinge am Amazonas.” Im Museum der Kulturen Basel

Das Museum der Kulturen ist zunächst vor allem eines: Meta. Es fragt in seinen Ausstellungen stets danach, ob und wie ethnologische Objekte in einem Museum ausgestellt werden können. Denn die Völkerkundemuseen (auch das Basler Museum trug noch bis 1996 die Völkerkunde im Namen) haben ein Problem: Sie beherbergen Sammlungen, die einem kolonialen Blick folgen. Aus einer westlich-nationalen Sicht inszenieren sie die Fremden als exotisch, teilweise gar als rassisch Unterlegene. Zustande gekommen aufgrund von Eroberungen oder von Tausch und Handel, den die beforschten Fremden im Nachhinein wohl nicht mehr eingegangen wären. [...]

Concrete. Fotografie und Architektur – Jubiläumsausstellung des Fotomuseums Winterthur.

Das Seagram-Building ist eines der Wahrzeichen der architektonischen Moderne, verschwimmt hier aber in Unschärfe. Die geometrische Strenge, die der Architekt Mies van der Rohe bis auf die Jalousien, die nur in drei Positionen zu bringen sind (offen, halb geschlossen und geschlossen), ausgeweitet hat, geht so verloren. Das Emblematische wird hingegen verstärkt. Das Bild von Hiroshi Sugimoto, der schon Einzelausstellungen in Berlin, Luzern oder Düsseldorf hatte, gehört zu einer Serie mit dem Titel “Architecture”. Und es sagt einiges über die Zeichenfunktion von Architektur. Auch die Fotos von Iwan Baan, einem der [...]

Maos Mango. Massenkult der Kulturrevolution. Im Museum Rietberg Zürich

Eine Mango in voller Reife in einer kleinen genau an sie angepassten Vitrine. So schlicht wie absurd ist das zentrale Ausstellungsstück in der gegenwärtigen Sonderausstellung des Museums Rietberg in Zürich (der seltene Fall eines ethnologischen Kunstmuseums). Diese Preziose liefert den Einstieg in die Schau und taucht in der eher kleinen Ausstellung in nur leicht veränderten Formen immer wieder auf. Der Mango sieht man unterdessen die über 40 Jahre, die es auf der Schale hat, fast gar nicht an. Und so könnte sie noch in der jetzigen Fassung ein Heiligtum für die Healthy-Food-Bewegung [...]

“Martin Scorsese” in der Deutschen Kinemathek Berlin

Die Rasierklinge scheint ganz sanft über die Haut zu gleiten. Zahlreiche kleine Wunden hinterlässt sie dennoch. Das Blut tropft an den typischen 60er Jahre Armaturen vorbei in das Waschbecken. Statt mit weißem Rasierschaum bedeckt, ist das männliche Kinn nun dunkelrot gefärbt. Zum Ende des Kurzfilmes “The Big Shave”, der zu den Bekanntesten aus der frühen Karriere Martin Scorseses zählt, blendet der ganze Bildschirm in ein tiefes Rot über. Der alternative Titel des Filmes, “Viet 67″, suggeriert eine Kritik am Vietnam-Krieg der USA. Dieser Einstieg in die Ausstellung der Deutschen Kinemathek [...]

Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945 im DHM Berlin.

Es geht um Viel, beinahe um Alles. “Wie möchten wir leben?” fragen der Flyer und die Homepage zur Ausstellung. Der Einführungstext kompiliert die großen Begriffe der Gegenwart: Freiheit, Vernunft, Geschichte, Verantwortung, Politik, Gesellschaft, Zukunft und die Menschenrechte, die natürlich nicht fehlen dürfen. Die kurz getaktete Abfolge lässt die Worte erschreckend leer zurück. Wer soll diesen Begriffen nun ihren Inhalt wieder zurückgeben? Natürlich die Kunst, der man in ihrer angeblichen Autonomie eine besondere Fähigkeit der Weltbeobachtung zurechnet. Das Deutsche Historische Museum, dessen Ausstellungen man euphemistisch als staatstragend bezeichnen könnte, sammelt zur [...]