“1813 – Auf dem Schlachtfeld bei Leipzig” im Deutschen Historischen Museum Berlin

Die Karabiner sind auf mich gerichtet. Zwanzig an der Zahl – auf einem Metallgestell, das auch aus einer Waffenkammer stammen könnte. Der Spiegel im Hintergrund soll mich vermutlich daran erinnern, dass ich sowohl hinter als auch vor den Waffen stehen könnte. Im Boden ist eine Vitrine eingelassen, in der auf grauem Sand zwei Geschützkugeln liegen. Soll vielleicht heißen: Ich könnte auch schon tot sein. Hinter mir steht eine Kanone und zwei fahrzeuglose Räder liegen davor. Vervollständigt wird das Ensemble von einem Pferdeskelett mit danebenliegender Kanonenkugel – wiederum auf diesem grauen grobkörnigen Ziersand. Heißt das nun: Das Pferd, auf dem ich gesessen haben könnte, wenn ich denn in der Völkerschlacht von 1813 gekämpft hätte, wäre wohl auch tot?

Johann Peter Krafft: "Siegesmeldung nach der Schlacht bei Leipzig", Wien, 1839© Stiftung Deutsches Historisches Museum

Johann Peter Krafft: “Siegesmeldung nach der Schlacht bei Leipzig”, Wien, 1839
© Stiftung Deutsches Historisches Museum

Was es mit dieser Installation auf sich hat, die einen in der Ausstellung “1813 – Auf dem Schlachtfeld in Leipzig” empfängt, erfährt man dann erst auf den zweiten Blick. Denn die Schau, mit der sich das Deutsche Historische Museum in den Reigen der 200-Jahr-Feier der Völkerschlacht einreiht, soll ein Rundgang durch ein Gemälde sein. Das Gemälde stammt aus dem Jahre 1839 und ist von Johann Peter Kraft. Die Installation und die Ausstellung stammt von 2013 und wurde von Dorlis Blume sowie Sven Lüken kuratiert. Die Eingangsinszenierung funktioniert als eine Art der Übersetzung eines Aspektes des Bildes in 3D. Die Schlacht wird hier mit den Mitteln des Museums re-inszeniert. Die sterile und auf Objekte konzentrierte Präsentation macht dabei deutlich, dass wir uns historischen Kriegen immer nur in Repräsentationen nähern können. Darauf hebt auch die grundlegende Konzeption der Ausstellung ab, indem sie eine berühmte Darstellung der Schlacht zum Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit der Völkerschlacht macht. Die Gewalt des Krieges lässt sich nicht zeigen, die Völkerschlacht nicht nachstellen. So weit, so gut.

Aber was macht die Ausstellung nun aus dieser genauso naheliegenden wie wichtigen Erkenntnis? Sie könnte daraus schlussfolgernd zum Beispiel konsequent den Produktionsbedingungen des Gemäldes nachgehen. Sie könnte zeigen, wie, warum und aus welchem Kontext heraus das Gemälde die Völkerschlacht genau so und nicht anders repräsentiert. Dafür müsste es die Rolle der Kunst und der Künstler zu dieser Zeit reflektieren, die Diskurse von Macht, Politik und Krieg durchleuchten und aufzeigen, welche Sujets und Bilder die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts dem Krieg abgewinnen konnte. Und vor allem müsste sie über die Rezeptionsgeschichte der Völkerschlacht zeigen, wie sich diese Bilder von unseren Sehgewohnheiten unterscheiden. Die Ausstellung geht diesen Weg allerdings nur zu Teilen. Zwar kommt die Rezeptionsgeschichte im Rahmen der national und patriotisch überhöhten Erinnerung an die Völkerschlacht vor, auch die politischen Mächteverhältnisse um 1813 werden ausgebreitet. Aber dann kippt die Ausstellung zu großen Teil in ein realitätssüchtiges historisches Narrativ. Es wird hier dann doch die Geschichte der Völkerschlacht mit den neuesten historischen Erkenntnissen nacherzählt. Es wird erzählt, wie das so war damals in Leipzig für die Soldaten in ihren Gardeuniformen, mit ihren Säbeln, als sie auf der Seite der Verbündeten Österreich, Preußen, Russland und Schweden einen wichtigen, wenn auch nicht den entscheidenden Sieg über Napoleon errangen.

6-pfündige Feldkanone mit Räderlafette, Königreich Sachsen, 1812© Stiftung Deutsches Historisches Museum

6-pfündige Feldkanone mit Räderlafette, Königreich Sachsen, 1812
© Stiftung Deutsches Historisches Museum

Auf diesem Wege bekommt das Museum dann auch die Chance ihre Sammlung von Militaria zu zeigen, die es als historischer Erbe der preußischen Waffenkammer des Zeughauses massenhaft beherbergt. So kommen zumindest die Liebhaber von echtem Kriegsspielzeug auf ihre Kosten. Und aus dieser Perspektive wirkt dann auch die sterile Darstellung des Einführungsensemble ambivalent. Vielleicht wäre es ja gar nicht so schlecht gewesen, ein paar blutverschmierte Leichenpuppen hineinzulegen, um dem Waffenfetisch zumindest durch die unrealistische Ahnung von Gewalt etwas entgegen zu setzen.

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